2/3 – Wie lang `lang` sein kann!

…könnte man sich fragen. Gerade nach der atemberaubenden und sehr abwechslungsreichen Klamm, wo man alle Anstrengungen ganz nebenbei wieder vergaß. “Oh, wie schwer doch der Rucksa…wie schoen das hier doch alles ist…” und weg war der Schmerzgedanke. Am Ende der Klamm trafen sich dann auch der ursprüngliche Aufstiegsweg, der Weg durch eben diese, und der Winter-Ersatz-Weg, Stangelstieg wieder. Unter fast schon dramatischen Verhältnissen möchte man fast sagen. Zwei Burschen, die uns vor ca. 2h entgegenkamen und uns weismachen wollten, dass die Klamm definitiv gesperrt ist und der Weg NUR durch den Stangenstieg führt kommen uns hier entgegen. Wir auf der sicheren, weil trockenen Seite, sie gegenüber. Hinter dem Fluss. Hinter dem kalten Fluss. Dem Gebirgsfluss. Und so kam es wie es kommen musste – leicht verunsichert und zierlich bewegt sich der eine durch den Bach, das Wasser bis zu den Knoecheln und zack!!! macht er Liegestuetze im Bach. Schuhe, Hose, Oberteil…eine Temperatur – KALT. Minutenlang bleibt er wie erstarrtt im eiskalten Wasser stehen…”Komm doch raus, mein Jung!” aber er bewegt sich nicht. Irgendwann kommt er wieder zur Besinnung…Daumen hoch und weiter gehts mit schmerzverzerrtem Gesicht…

Erster Halt dann an der Huette, wie auch immer sie hiess. Angekommen und erst einmal ueber den uns scheinbar verfolgenden Uebelgeruch wundernd. Eigentlich wollten wir Brotzeit machen…so richtig lecker war es mit diesem Ambiente nicht gerade. “Wo kommt das nur her, ist ja abartig!!” Kommt nicht der eine Oesi um die Ecke…grinsend uebers komplette Gesicht…”mai, hobn diegn koenigsschiss moacht!” Wie witzig er das fand ;)))

 


Im Vordergrund die Huette “zum Koenigsschiss” – hinten neben der gluehenden Spitze unser Ziel…bei genauem Hinsehen auch die Antennen zu sehen.
 

Der Weg von der Huette auf die Gletscherebene…

 

Weiter gings ueber Stock und Stein. Links und Rechts. Hoch und Runter. Am Baum vorbei. Ueber den Fels gehuepft. Immer weiter…bis zur Leiter. Der Koenigsleiter naemlich…quasi…

 


Gute 25 Hoehenmeter auf eisernen in den Felsen geklebten Stufen.
 

`Leichtbepackte` ziehen an uns vorbei…Luschen!
 

“Vertrauenserweckend ist anders…”
 

…denkt sie sich leicht zweifelnd.
 

Auch wenn das Bild gegensaetzliches vermuten laesst…hat mega Spass gemacht.
 
 
Nur ist es halt leicht schwerer als geradeaus zu laufen. Quasi mit der Schwerkraft. Oder zumindest nur im 90° Winkel. Aber so…entgegen der Schwerkraft…um 180° gedreht…weg von ihr…dann merkt man sie doch schon erbarmungslos an sich zerren. An jedem seiner 80 Kilo Koerpermasse und auch an jedem seiner fast 20 Kilo Gepaeckmasse (was, ganz nebenbei erwaehnt, viel zu viel ist. Selbst die Oesis mit Steigeisen, Pickel, Helm, Klettersteigset, Seil…waren leichter bepackt!) ergreift sie dich und versucht mit aller Macht, dich am kletternden Fortschritt zu hindern. Was ihr auch erstaunlicherweise recht gut gelingt. Nicht in den ersten 3h, nein, nicht in der Zeit wenn du gut perfekt abgelenkt bist, nicht dann wenn es geradeaus geht. ABER genau dann, wenn dein Koerper eh dem langen Weg so langsam Tribut sollt. Genau dann, wenn du es eh am aller wenigsten gebrauchen kannst…naja, so ist sie halt.

Nach der Leiter kam das Brett…

 


Viele viele Eisenstift die aus der Wand ragen…ohne sie waere ein Weiterkommen nahezu unmoeglich, zumindestens bei den Aussentemperaturen und dem Gepaeck.
 

2cm Eisen zwischen dir und einem freien 30m Flug.
 

Auch hier leicht zoegerliches und unglaeubiges Vortasten.
 

Die einzige wirkliche Kletterstation. Hier ging es schoen im 2. bis max. 3. Grad nach oben – hier fuehlt man sich doch wohl. Obwohl das fette Gepaeck teilweise doch recht beengend wirkt (Thema Michelinmaennchem am Klettersteig!)
 

So langsam lunzt die Sonne ueber die viel zu hohen Bergspitzen und erstrahlen auch den Gegenhang. Obwohl wir perfektes Wetter haben, keine einzige Wolke, nur Sonnenschein rund herum, bekommen wir an diesem Tag keinen einzigen direkten Sonnenstrahl ab…schon leicht traurig.
 
 
Nach dem Aufstieg auf die Gletscherebene ging es gefuehlte 2849503 Kilometer ueber Schutt und Asche. Kleinste Scheisssteinchen, die immer und immer wieder wegrutschen unter den Schuhen. 2 Schritte vor…einen zurueck. Vor…zurueck…Stein…knick…aua…knick…rrrhhh…rutsch…kein Laufen jedenfalls. Kraeftezehrend. Motivationszehrend. “Und was wenn wir das nicht schaffen?” “Der Gletscher kommt noch…und der fette Steig…was wenn wir nicht ueber den Gletscher kommen. Und was danach?” So ging es langsam los…nicht bei mir, ich konnte alles Folgende recht gut ausblenden, aber die Laune wurde kurzfristig schon eisiger. Gleich der Temperatur. Muetze auf, Pullover an…ay…wie ich schwitz. Alles wieder aus…puh, wie das zieht. Und wieder an…aus…witziger Kreislauf.
 
 

Vorne noch der Schutt, ehe es dann auf den Gletscher geht…”schaffen wir das ohne Steigeisen??”
 

Die Zunge, ein eindeutiges Zeichen fuer Schwaeche und dem Ruf nach einem Sauerstoffzelt.
 

20 Minuten spaeter, scheinbar kein Fortschritt gemacht. Immer noch Schutt vor uns, immer noch nicht am Gletscher. ABER – auf dem Eis schon unsere Vorgaenger zu sehen, die sich Lemminge-like den Berg hoch schlengeln.
 

Hier kommt uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen, die auf der anderen Seite bereits aufgestiegen sind, sich knapp 2h auf der Spitze ausruhten und nun wieder ins Tal absteigen. Streber!
 

Wie Kiemen im Eis – die Gletscherspalten.
 
 
Apropos Gletscherspalten. Und Apropos Jugendliche…kommt uns diese Truppe also entgegen. Alle waehlen den offiziellen Abstieg vom Fels auf den Gletscher…bis auf einen. Einer muss ja immer aus der Reihe tanzen. Der beruehmte `Andere`. Der, dem Wege die jeder geht, zu langweilig sind. Also nutzt er nicht die sichere Variante am Seil zum Abstieg sondern die Leiter. Was an sich ja keine schlechte Idee ist. Dumm nur, dass die Leiter mal gebaut wurde, als der Gletscher noch mindestens 3m hoeher war. Nach Jahren der Erderwaermung ist dieser nun etwas schmaechtiger geworden. Die Treppe verliert sich quasi im Nichts. Nicht im Nichts, aber auch nicht direkt auf dem Gletscher. Das bemerkt der Bursche erst reichlich spaet. Und selbst am Ende der Stufen, wie gesagt ist dies gute 3m ueber dem Gletscher, denkt er sich er kann `Cliffhanger`-like einarmig am Seil nach unten gleiten. Dumm nur, dass seine Handschuhe recht rutschig sind. Und dumm auch nur, dass sich sein Koerpergleichgewicht einmal um die Achse zu drehen versucht. Seine Hand verdreht, das Seil rutscht durch den Handschuh und er fliegt die letzten Meter….und landet…scheinbar federleicht….jedoch hat er null Reibung unter den Schuhen, so dass diese auf dem glatten Eis wegrutschen und er auf dem Hosenboden den Berg abgleitet. Nicht langsam…schoen beschleunigend. Und immer zielgenau auf die Gletscherspalte zu. Und das ist kein Scheiss. Und versuch mal auf dem Arsch rutschend anzuhalten. Nahezu unmoeglich. Wir stehen alle perplex da und sind voellig geschockt von seiner Rutscheinlage. Einer seiner Kumpels schreit nur was von “Dreh dich um! Auf den Bauch! Mach den Liegestuetz”, aber er schafft es irgendwie nicht sich umzudrehen. Dann bleibt er ohne Vorankuendigung stehen. Alle mucksmaeuschen still. Dann Aufatmen. Ein anderer seiner Kumpel lacht nur ganz laut…dem Gleiter ging der Arsch auf Grundeis. Aber Daumen und Zeigefinger formen das internationale “OK”. Alles gut. Was ein Schrecken trotzdem…echt krass…
 
 

Das ist die Spalte wo er ohne sein ploetzliches Stoppen direkt reingerutsch waere!
 

Wie gesagt…Klettersteigset…fehlanzeige. Also mit Exen…mhrmh…Karabinern und Schlingen eigene improvisiert (auf die lehrerhafte Belehrung am Ende des Tages durch unseren Schluchtenscheisser werde ich hier beim Thema Sicherheit lieber nicht drauf eingehen ;(
 

Und wieder unsere Freunde…die Eisenstifte.
 

Immer oefter muss man sich zu kurzen Standpausen zwingen um auch ja nicht die Sicht nach hinten zu vernachlaessigen. Die Sonne steht schon ganz schoen tief…ob das was wird mit dem Sonnenuntergang auf der Spitze geniessen???
 

Die Zugspitze wirft ihren Schatten…
 

Und wieder die Zunge…
 

Zumindest so kann man den Gipfel schon mal sehen, wenn auch nur als riesen Schatten.
 

Zeit fuer dieses Panorama muss IMMER sein!
 
 
Unsere beiden Oesis heissen Andy und Silver (Andy = der Schluchtenscheisser, im wahrsten Sinne des Wortes, bei Silver habe ich erst ueberlegt, was es denn in Oesterreich fuer witzige Namen gibt. Silva…Silwa…aber als er das erste mal seine Muetze abnahm und man seine Haarpracht sah wusste man genau woher der Spitzname kam ;)
Andy jedenfalls war mega Speedy Gonzales. Zack zack zack und oben. Sein Kumpel Silver hing immer etwas zrueck. Er war der letzte, den wir immer noch vor uns sehen konnten. An dem wir uns orientierne konnten. “Wenn Silver jetzt dort ist, dann sind wir da auch in einer halben Stunde…und von dort dann nur noch 20 mins bis zur Spitze”. Das war die Theorie. Wenn wir uns dann eine halbe Stunde spaeter wieder orientierten waren wir gefuehlt keinen Meter naeher gekommen, Silver immer noch genauso weit entfernt. Nicht nur von uns, sondern auch von der Spitze. Das kann doch nicht wahr sein!!! 20 Minuten spaeter das selbe Bild. Wir kommen einfach nicht naeher. Ihr glaubt garnicht wie demotivierend so etwas sein kann. Wie lustlos das macht. So kurz vorm Ziel und dennoch trotzdem meilenweit entfernt. So faengt man an und noergelt. Man meckert. Sollte man aber nicht. Ist ja trotzdem wunderschoen. Auch wenn man den Sonnenuntergang eventuell verpasst. Auch wenn der miese Rucksack unerbaermlich gen tal zieht. Trotzdem alles geil! Aber man sieht die Schoenheiten nicht wirklich mehr. So muss man also anfangen und sich kleine Ziele setzen. “In 5 Minuten ist Wasserpause”. “Hinter der Ecke gibt es wieder Schokoloade”. “Noch 30 Hoehenmeter und die Mandelplaetzchen sind dran”. Mit kleinen Zwischenzielen dem grossen Ziel entgegen. Und es wirkt. Die Beine zwar kaum noch tragend…gummiartig scheinen sie jeden Moment einfach wegzuknicken…komplett keine Kontrolle mehr…knick und krumm…aber das muehsame Eichhoernchen schafft es ja auch irgendwie. Dumm nur, dass man die Bergstation schon so frueh gesehen hat…”man muss doch gleich da sein”…nichts…”aber jetzt…gleich”…naja…ungefaehr unendlich…die Beine hatten Null Gehorsam mehr. “Aber da vorne ist es gleich”…”ich kann nicht mehr”…”noch 10 Meter”…”die Bei…will ni…kann ni……..” Definitiv keine Kontrolle mehr ueber das eigene Laufen. Kriechen eigentlich viel mehr. Wie ging das noch gleich? Ein Bein vor, Gewicht verlagern…das andere vor…und so weiter. Hoert sich alles immer so einfach an…da vorne…
 
 

Den Sonnenuntergang zwar verpasst…
 

…aber das Ziel direkt vor Augen!!!
 

Der wunderbarste Moment des Tages!!! Mit Abstand!!!
2962m
 

Die Station gegen 17:40 Uhr…menschenleer. Gut, dass die letzten Seilbahnen beriets 16 Uhr gefahren sind…EINSAMKEIT.
 
 
Laut eigentlichem Plan haetten wir uns jetzt eine windgeschuetzte Ecke suchen muessen, das Schlafen so lang es geht herauszoegern, ALLE Klamotten die wir dabei haben anwerfen und hoffen, dass die bitterboese Nacht so schnell wie moeglich um geht. Wie gesagt…die Dame mit einem +11 Schlafsack ;)

Dank unserer Oesi-Kumpels kam dann aber doch alles ganz ANDERS. Der Schluchtenscheisser hat einen Bekannten, der im Münchner Haus arbeitet. Dieser hat veranlasst eine Tuer (die wir niemals gefunden haetten) offen zu lassen, wodurch wir letztendlich in einem abgesicherten Gang mit Temperaturen leicht ueber Null Grad campieren konnten! Echte Gluecksschweine…Mannomann!!!

 


Die Dekadenz des Abends – Königsberger Kloepse, 2x Gulaschsuppe, Frikadellen mit Moehren und Hummer Gourmetsuppe. WUERG! So abartig. Aber kein Wunder, dass unsere Rucksaecke so scheisse schwer waren!
 
 
Bestens gelaunt, voellig am Ende, der Koerper im Arsch, aber dennoch mit einem Grinsen im Gesicht fielen mir 19:21 Uhr die Augenlider zu…pures Glueck…

…auf dem hoechsten Punkt Deutschlands!

 


 

 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
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2 responses to “2/3 – Wie lang `lang` sein kann!”

  1. Sören says:

    Hi ihr zwei!
    Was ihr da gemacht habt, ist wirklich klasse. Dicken Respekt!
    Was die Vorbereitung anging, solltet ihr in Zukunft ein bisschen besser angehen, so scheint es mir aus deiner Erzählung. Eine Nacht im Freien auf der Zugspitze stelle ich mir schon sehr extrem vor. Aber ein bisschen Glück gehört halt auch immer dazu.

    Freut mich auf den 3. Teil!!!

    Gruß Sören

  2. Stefan says:

    was heisst glueck – wenns nicht geklappt haette haets nicht geklappt. entweder es klappt dann mit schlaf oder es ist so kalt dass man 10 stunden umherrennt um warm zu bleiben ;) der naechste sonnenaufgang kommt bestimmt…machts spannend ;)

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