Amazonia – ein Traum wird war

amazonia map

 

Kaum zu glauben, dass wir uns diesen Traum erfüllen konnten. Ein Traum, der weniger auf meiner offiziellen Löffelliste als mehr in meinen Träumen existierte. Ein Traumtraum quasi. Als Kind verlor man sich oft in den grünen unheimlichen Weiten des Duschungelbuchs, stellte sich mega riesen Anacondas alla Kaa umherschleichend im Amazonia vor, neben anderen hunderten von unbekannten Insekten und Reptilien, deren Namen man nicht einmal aussprechen konnte. Und noch immer nicht kann. Oder will. Ein Traumreich an Flora und Fauna. Ein Reich, nicht von unserer Welt. Und doch ist es hier. Direkt vor unseren Augen. Zum Greifen nahe von Ecuador. Amazonia!!!!

Dass ich es irgendwie möglich machen wollte, während der Reise tiefer in den Amazonia zu kommen, stand fest. Wie, wusste ich jedoch lange nicht. Und dann entdeckte ich DIE wwoofing Möglichkeit für uns. Als Englisch-Lehrer in einem im Amazonas lebenden indigenen Völkerstamm zu volunteeren.

 

Willkommen in Amazonia bei den Achuar

Volunteeren bei den ‘Achuars’, was soviel wie ‘Die Leute der Aguaje Palme’ bedeutet und rund 18.500 Leute in Ecuador und Peru ausmacht. Hauptsächlich wird hier (surprise surprise) Achuar untereinander gesprochen, jedoch sprechen fast alle Männer auch Spanisch. Die Damen leider kaum, was es nicht gerade einfacher macht mit diesen doch recht schüchternen Dorfmitbewohnern in Kontakt zu kommen.

Eine der vielen Achuar Communities, in welcher wir arbeiten wollten, trägt den Namen ‘Wayus Entsa’.

Um in dieses abgelegene Fleckchen Erde zu gelangen, inmitten des tiefen tiefen Amazonas, fliegt man mit einer 8-sitzigen Cessna (fliegt nur Dienstags!) eine Stunde von Shell in das grüne Paradies um Kapawi, direkt an der peruanischen Grenze (als ob sich hier jemand um quasi-politische Grenzen schert). Bereits kurz nach dem Start ist man wie in einer anderen Welt, sieht nichts ausser Urwald und brauner Flüsse und lässt die Zivilisation wie mit einem Fingerschnipss hinter sich. In Kapawi fragt man sich kurz ein wenig planlos durch, da unsere Kontaktperson natürlich nicht wie verabredet auf der Landebahn auf uns wartet. Nach kurzem hin und her und ersten Erfahrungen im Dschungelhäuserbau geht es 2 weitere Stunden mit dem Kanu wieder flussaufwärts. Dann ist man wirklich da. Im Busch. Bei den Buschleuten.

 

amazonia 69amazonia 66Die örtliche Jugend hat bereits einen recht modernen Klamotten- und Styleeinfluss von ausserhalb. Teilweise funkelgoldene Nike Schuhe wollen dann aber doch nicht so richtig in die Umgebung passen. Schade, dass dieser “hippe” Stil auch schon von den Indigenen als notwendig angesehen wird.amazonia 1Wackelkanu. Alle 3 haben es irgendwie geschafft einzuschlafen, ohne dabei die anderen aus dem Boot zu wackeln wenn die typischen Schlafzucker auftraten.

 

Angekommen in Wayus Entsa wurden wir drei (plus unser Travelbuddy aus Spanien, den wir seit Kuba kennen und immer wieder zusammen reisen) in unser neues Zuhause gebracht. Eine typisch offene Holzhütte mit Bananenblättern belegt, in welcher wir unsere Hängematte und Zelt aufspannten und von nun an unser Heim nennen konnten. Home is where your hammock is…even in the jungle. Zelt ist sogar recht wichtig. Bereits am ersten Morgen gab es ein böses Erwachen als Jorge in seinem Backpack nichts anderes fand als einen miesen schmerzhaften Spinnenbiss.

 

amazonia 49Völlig überraschend hatten wir sogar unsere eigene “private” Dusche. Hier kann das Pixelmännchen noch die letzten Wassertropfen geniessen, ehe das aufkommende Gewitter den Solarzellen den Saft abdreht und auch die Duschen nicht mehr funktionieren werden. Bis zum nächsten Sonnenschein.amazonia 32Schön chillig eingerichtet. Hängematten neben dem Lagerfeuer. Mehr geht fast nicht.spinnebeinKollege Spinnebein

 

Chicha, Chicha und nochmals Chicha

Witziges Timing hatten wir auch mal wieder. Zwar wird in der Community kein persönlicher Geburtstag gefeiert, ist auch besser so bei Familien mit 12 Kindern (die meisten Väter können sowieso nur das Alter Ihrer eigenen Kinder auf 1-2 Jahre genau angeben), aber der Geburtstag der Community ist dafür umso wichtiger. Wayus Entsa wurde an unserem ersten beiden Tagen 36 Jahre alt. Eine noch sehr junge Community aber nur weil vorher alle Familien in anderen Achuar Communities lebten bis es dem Shaman irgendwann zu dumm wurde und er für sich diese neue Community gründete. Tradition ist und bleibt aber vollständig die der Achuars. Und der Geburtstag ist DER Grund zum Feiern.

Am ersten Abend bekamen wir somit den vollen Einstieg in das Leben der Achuars. Im Community Center, was einfach nur eine große mit Welchblech bedeckte Hütte ist, sitzen auf Bänken am äussersten Rand alle Männer und wir am Ehrenpodium neben den Presidenten der Community! und warten darauf Chicha von ihren Damen serviert zu bekommen.

Was ist Chicha? Chicha ist fermentierter Yucca Spit. Spit??? Ja, die Yucca (eine Art Kartoffel) wird in Wasser eine Stunde gekocht, ähnlich wie Kartoffelbrei sämig verührt, (klingt bis jetzt noch ganz gut, was)  und dann von jeder Dame stückchenweise gekaut (grob eine Minute) und dann, und jetzt kommt die magische Zutat, zurück in den Topf des Yuccabreis gespuckt und umgerührt. Dieses Vorgehen wird so lange wiederholt bis aus dem Yucca-Brei Yucca-Saft wird. ;)))) Mhmhhhhh Chichaaaaaaa.

 

chicha spitSchön ordentlich durchkauen und … schpppppkk … wieder zurück in den Topf.

 

An unserem ersten Abend wussten wir das noch nicht! Man kann sich vorstellen, wie wir reingehauen hatten, denn durch die Fermentierung befindet sich entsprechend auch Alkohol im Chicha. Was quasi dem Deutschen das Bier, ist dem Achuar sein Chicha. Und zu Bier sagt man ja auch nicht nein, oder? Also, Prost.

Und aufgrund des grossen Tages wurde der Chicha extra mehrere Tage stehen gelassen um den Alkoholgehalt noch zu erhöhen. Mhmhm mit vielen Bläschen….

Noch interessanter ist die Trinkweise von Chicha. Chicha wird von jeder Frau im Dorf jeden Tag zubereitet. Jeden Tag! Jede Dame hat sogar extra Chicha Trinkgefässe (von Ton ähnlicher Mixtur gefertigt und mit wunderschönen Bemalungen verziert) und serviert mit ihrer Chicha Schüssel nun jeden Mann der Community ihren eigenen Chicha. Somit schmeckt jeder Chicha (nahezu) gleich (schlecht). Dabei geht die Dame von Person zu Person, jeder nimmt einen Schluck Chicha und die Dame selbst macht dann die Sabber des jeweiligen Trinkers mit ihren Händen weg und reibt es an sich und der Schüssel ab:) Mhhmhmh noch leckerer Chichaaaa. Dabei hat man nur bedinkt Einfluss auf die Menge, die man verzehren möchte. Hat die Dame das Gefühl, dass man noch nicht genug hat, wird die Schüssel auch nicht vom Kinn gelöst. Denn die Dame “füttert” einen quasi.

 

amazonia 74Erst aus Ton zusammen basteln, dann schön bemalen.amazonia 31…wobei die eine etwas mehr, die andere etwas weniger motiviert war.amazonia 61Sie hier war der Knaller, erst nach einigen vielen Schlucken hat sie erlösend die Schüssel vom Kinn gelassen. Da muss man schon Schluckkreativ werden wenn es einem nicht so schmecken sollte.amazonia 58Während die servierenden Mamis arbeiten, amüsieren sich die Kleinen. Oder schlafen auch mal gerne für ein paar Stündchen. Völlig umkompliziert und ohne grosses Geschrei. Deutsche Babies, bitte mal ein Beispiel nehmen!amazonia 57Die nachkommende Chicha Servier Generation steht meistens nebenbei und nimmt fleissig Notiz. Oder kuschelt derweil ein wenig.amazonia 55Die Mamitas verteilen den Chicha, während die Oberhäupte ihrer Versammlung folgen (und natürlich währendessen Chicha trinken). Überraschenderweise waren diese fast schon straff orgenisiert und jede noch so kleine Erwähnung war als eigener Punkt in der Tagesordnung festgehalten. Zu Festtagen wird auch der extra gute Kopfschmuck aus dem Schrank geholt.

 

Musik bis die Ohren platzen

Man mag es kaum glauben, aber zu Anlässen wie dieser holt die Community ihren größten Schatz aus der Kiste, eine 1000 Watt Muckebox! Im Dschungel! Lebensnotwendig! Um die interessante, immer und immer wieder gleichkehrende Musik beschreiben zu können, fehlen mir und meinen Ohren einfach die Worte.

Irgendwie überschallende Musik, die sich in unseren Ohren anhört wie ein super schlechter Mix aus Heimatmusik und asiatischer Popmusik, mit immer wieder den selben Songstücken, die den ganzen Tag in Endlosschleife spielen.

Kulturbanause oder Folteropfer?!?!?!

Am nächsten Tag werden wir nicht von den erhofften neuen Tiergeräuschen des Dschungels geweckt, sondern von noch immer derselben in vollster Lautstärke abgefeuerten Musik. Natürlich noch immer dieselben Lieder. Unverändert zum Abend sitzen auch noch immer die gleichen Chicha ‘Leichen’ herum, haben sich anscheinend keinen Milimeter bewegt und freuen sich noch immer über jede Runde Chicha, der nach einigen Runden wirklich gut drehen kann. Und nach einer ganzen Nacht…uff. Und so, genau so und nicht anders, geht es den ganzen lieben langen Tag weiter. Man sitz auf der Bank, wartet dass die Damen mit Chicha einen ja nicht vergisst und hört der guten Musik zu. Runde für Runde. Und täglich grüsst das Chichatier. Nur stündlich.

 

Was für Feinschmecker

Nicht zu vergessen, an Anlässen wie diesen gibt es die Tradition, dass alle Männer gemeinsam vorher im Dschungel auf grosse gemeinsame Jagd gehen. Alles bewegliche steht auf dem Plan: Fisch, Tapir, Wildschwein, Affen….äääähh, what?? Ja, Affen. Alles. Alles. Durch den immensen Konsum an Chicha wird normalerweise bei den Achuars nicht viel gegessen, da der Chicha sehr sättigend ist. Klar, wenn ich den lieben langen Tag kalte Kartoffelsuppe esse brauche ich abends auch nichts mehr. Mental hatte ich mich schon auf neue kulinarische Highlights eingestellt.

Immerhin ist es der Dschungel und wir wollten alles mitnehmen. Dass ich mein Vegetarier Dasein seit Mexiko leider auch schon ausweiten musste, hatte ich auch temporär hinbekommen. Doch an diesem Morgen überschlugen sich die Ereignisse. Und mit ihnen auch meine Emotionen, als ich in meiner Schüssel eine rabenschwarze, fast verkohlte kleine Affenhand mit Fingernägeln rausblitzen sah. Eine

A F F E N H A N D.

Kulinarisches Highlight, mhmhm absolut. Für die Jungs auf jedenfalls, die sich vor Feiern nicht mehr halten konnten als sie mein entsetztes Gesicht sahen. Dann doch eher Chicha für mich. Unsere ersten drei Tage bestanden somit aus nichts weiter als Chicha, Musik und Chicha. Fleissiges Lehrer Dasein ;)

 

amazonia 2Für Neuankömmlinge im Dschungel ein etwas … nun ja, nicht all zu alltäglicher Anblick.amazonia 3amazonia 6Während Jorge bereits neue Freunde macht hat Caro ein wenig mit ihren Emotionen zu kämpfen.amazonia 4Der Anstoss der Gefühle.amazonia 5Nicht etwa die kleine 7 Jährige mit Machete in der Hand ist hier das spannende, sondern vielmehr das, was sie mit dieser versucht aus dem inneren des Affenkopfes zu befreien. Lecker Innereien Nachtisch.amazonia 33Manchmal wurden wir auch selbst kreativ. Hier Jorge beim Yucca zubereiten mit der natürlichen “made by jungle” Yuccareibe (Baumrinde mit unzähligen festen Stacheln). Achtung, super scharf!amazonia 18
Wenn wir selbst kreativ wurden gab es gerne Pilze mit “Ajo del Monte” (eine Art Bährlauch), was die Achuar zwar kennen aber einfach selbst nicht nutzen.
dschungelleckereien 1
Interessierter, unsicher und zurückhaltender Blick…dschungelleckereien 2…weil es Stefans erste richtige Larven zum Mittag waren. Schleimig, aber lecker. Und proteinreich.

 

 

Achuar Leben

Eingelebt im Dschungelleben begann das normale Leben für uns. Täglich wurden wir von jeder Familie zum Frühstück, Mittag und Abendbrot eingeladen. Mit dem Gedanken vom Dschungel zu leben, mit allem was er zu bieten hat, spielte sich bei mir im Kopf paradiesisches Essen ab. Tropenfrüchte en masse. Die abgefahrensten Dschungelleckereien. Natur und gesund pur.

 

amazonia 19Unser täglicher Gutenmorgenspaziergang zum Frühstück bot uns sehr oft sehr einladende Anblicke.amazonia 20Manchmal hat sich jedoch auch jedes noch so frühe aufstehen nicht gelohnt, wenn der Frühstückshost entweder keine Lust hatte, komplett keine Zutaten oder einfach noch nicht fertig war.

 

In Realität aber sah es leider eher so aus:

JEDE Mahlzeit beinhaltete Platano verde (Kochbananen im Wasser gekocht und nach nichts schmeckend).

Platano verde zum Frühstück. Platano verde zum Mittag. Platano verde zum Abendbrot. Platano verde for Life!

Serviert natürlich mit Chicha! Chicha und Platano verde, was für ein kulinarisches Duo. Jedoch wird man hier so richtig kreativ. Es gibt die Platano verde als rein trockene Kochbanane, oder als zerkrümelte trockene Kochbanane, oder als zerkrümelte und als Knödel wieder zusammengedrückte trockene Kochbanane. Mhmhhh Platano verde. Am Anfang noch super interessant. Alles neu. Alles gut. Doch nach über einer Woche meldete sich unser Magen. Aus Kochbanane wurde Brechbanane. Und wir konnten sie einfach nicht mehr runter bekommen. So sehr wir auch wollten und uns bemühten (um das Essen nicht stehen lassen zu müssen), es hat nicht funktioniert. No way in. One way out, eben nur nicht nach unten. 

Zum Glück gab es manchmal noch Yucca, Kartoffeln (Papas de Achuar) oder frisch gefangener Fisch in Platano Blättern am Feuer gegrillt. Superlecker. Und zu lernen, wie die Damen hier kochen war eines meiner Hauptziele. Super interessant zu sehen, dass alles entweder in Wasser gekocht oder im Feuer in Banananblättern gegarrt wird. Nichts anderes wird benötigt. Und es sieht wunderschön dazu aus. Gekocht wird natürlich auf offenem Feuer, dass durch eine Dreier-Holzstamm-Konstruktion so lange wie möglich am Laufen gelassen wird.

Generell jede Art von Fleisch schmeckt somit rauchig und ist saftig.

 

fullsizerender 4fullsizerender 5Platano verde mit Fleisch.img 3045Platano verde mit Yucca.img 3031Platano verde mit Suppe.amazonia 24Eine der kreativsten Anrichtungen. Platano verde mit Fisch und “Kräutern”.
amazonia 56Heute noch ein süsses Haustier, morgen schon der nächste Proteinlieferant. Das Küken natürlich!
 

Doch am Ende schmeckt auch nach drei Wochen irgendwann leider alles gleich, da eben auch ALLES diesen ganz bestimmten Rauchgeschmack annimmt. Und ohne Gewürze DAS dann den Geschmack auch ausmacht und der Körper irgendwann im wahrsten Sinne rebelliert. Zudem sind die Damen, was das kreative Kochen anbelangt, sehr eingeschränkt, da das Interesse an neuen Dingen kaum besteht.

Unser Anliegen von ihnen zu lernen wollten wir anfangs auch gerne zurückgeben. Wir brachten Unmengen an Reis und Linsen und Bohnen mit für die Gemeinde als Spende. Obendrein wollten wir den Damen zeigen, wie sie Zutaten, die der Dschungel hergibt, sie aber noch nicht nutzen, in ihrer Küche verwenden könnten. Doch das Interesse hielt nur bei einigen Familien an und dann wurde nur noch für uns gekocht und wir hatten gar keinen Einfluss mehr. Somit ging es auch wieder zurück zu Platano verde & Co.

Zudem ist die Liebe zum Chicha einfach seit hunderten von Jahren ungebrochen und somit besteht kaum der Wunsch etwas ändern zu wollen. Never change a winning team. Und somit bleiben Chicha und Platano verde die beiden Hauptnahrungsmittel bei den Achuars.

Leider sind die Auswirkungen dieser Einseitigkeit eben auch schon im Kindesalter zu sehen. Blähbäuche und dünne Beinchen. Selbst Babies bekommen schon Chicha zu trinken. Ist sättigend und lässt sich schnell zubereiten. Aber Nährstoffmangel pur!!!

Früchteweise wachsen hier nur Papayas (manchmal auch als Breckpapayas bekannt), Lulus (Naranjillas) und Platanos. In einigen Gärten wachsen noch Erdnüsse, Zuckerrohr und Kartoffeln. Und gaaaaaaanz selten legen die freilebenden Hühner auch mal ein Ei. Das gilt dann aber schon als Highlight und gerne werden Eier untereinander teuer verhandelt. Zumal wird es auch bevorzugt als “Blauei alla DDR Schulküche” zubereitet.

Generell ist der Tagesablauf für die Achuarfamilien sehr durchgetimt. Das Horn erklingt gegen 4:30 am Morgen und weckt das ganze Dorf. Daraufhin gibt es Frühstück (Chicha). Die Kids gehen in die Schule (mehr dazu im nächsten Beitrag). Mama beginnt fleissig an der neuen Chicha Generation zu arbeiten. Papa geht entweder Jagen oder aufs Feld um die Bananen zu ernten oder Bäume zu fällen. Gegen Mittag wird sich zum gemeinschaftlichen Chichatrinken getroffen. Nachmittags ist öftersmal eine “Minga” – Community-weiter Arbeitseinsatz. Meistens beschränkt sich dieser auf Unkrautjäten (mit der Machete), um entweder die Landebahn oder die Sportstätten zu befreien. Danach auf eine neue Runde Chicha. Dabei aber niemals das gemütliche miteinander Schnacken vergessen. Abends noch eine Schüssel Chicha und mit der Sonne gehen auch die Äuglein unter.

Ansonsten gestaltete sich das Familien kennenlernen total interessant. Man tritt ein in die jeweiligen kleinen Holzhütten in denen die Männer mit ihren Familien (1/2/3 Frauen!) und 458 Kids leben. Im vorderen Bereich wird uns das Essen serviert (meist superschön in Banananblättern), dazu eine Schüssel Chicha zum teilen, manchmal Früchte und der Mann des Hauses gesellt sich zu uns und spricht über seine Kultur bzw. stellt sich all unseren tausenden Fragen (wie gesagt, die Herren sprechen alle Spanisch). Oder auch nicht. Manchmal gab es Null Tisch-Konversation. Eintreten, Essen, Austreten.

 

amazonia 10Hier regiert der Papi. 2 Hütten gehören ihm, eine für jede seiner Frauen. Direkt links daneben hat der älteste Sohn angebaut. Familienzusammengehörigkeit wird hier gross geschrieben.amazonia 14Heimkehr einer kompletten (wahrscheinlich nicht komplett, ich sehe nur drei Kinder) Familie nach einem Arbeitstag.amazonia 13Kinder gucken immer. Besonders, wenn sie “Karamellos” bei uns erhoffen.achuarKleine Nackedeis.amazonia 23Kids dürfen auch mal Chichafrei schnabbeln. Dann eben Platano verde ;)
 

Die Dame währenddessen kümmert sich um die Kids oder sitzt mit ihren Rücken zu uns um auch ja nicht angesprochen zu werden. So schüchtern sind viele der Damen hier. Das ich mich nicht mit ihnen unterhalten kann, war zu Beginn das Schwierigste für mich. Keinen Zugang zu Ihnen zu finden ausser hunderte von Lächeln auszutauschen. Sonst leider nix. Dabei tragen die Damen so eine wichtige und starke Rolle in der Achuar Community. Auch wenn ich zu Beginn sehr abgeschreckt war, wie die Damen Chicha zu servieren haben, was im Umkehrschluss in Deutschland die Damen wären, die nonstop mit einem Bierkrug an allen Männern beim Grillen vorbeilaufen würden, diese mit stets frischem Hefe beglücken und von jedem anschliessend die Spucke an sich selbst abwischen um wieder frisch servieren zu können.

Nachdem ich dieses Bild in mir hatte, musste ich es erst einmal über die nächsten Tage sacken lassen. Doch nachdem man einen engeren Kontakt zu den einzelnen Familien aufgebaut hatte sah man schnell wie respektiert und wertgeschätzt die Damen werden. Absolut körperliche harte Arbeit betreiben sie genauso wie die Männer. Sie gehen Feuerholz sammeln, im Garten arbeiten, kochen, Wasserkrüge füllen und das alles mit bis zu 2 Babys auf dem Rücken.

Dass ein Mann oftmals mehr als eine Frau hat, welche am Ende auch noch Geschwister sind, ist hier normal. Wenn aber die Dame sich eventuell mit einem anderen Herren vergnügen sollte, ist es vom indigenen Völkerrecht vorgeschrieben, die Dame mit ihrer Affäre zusammen enthaupten zu dürfen. Da steht sogar das ganze Dorf hinter dem betrogenen Mann! Von Ecuador wird dieses Dschungelgesetzt anerkannt (oder zumindest nicht verfolgt).

Stirbt ein Ehemann vor seiner Ehefrau, so darf der Bruder des Gatten entscheiden, wie es mit der Witwe weitergehen soll. Ist er ihr gut gesonnen, darf sie erneut heiraten (falls sie noch nicht zu alt und somit uninteressant für den kleinen Männermarkt ist). Hat er ein Problem mit ihr, hat sie auch ein Problem und muss bis zum Ende ihrer Tage ein Singleleben führen. Traurig.

Die Familien an sich leben meist Haus an Haus. Zieht der grösste Nachkömmling aus, wird nebenan angebaut. Somit entstehen richtige Familien Bezirke, die dann sogar ihre eigenen Volleyballfelder und -meisterschaften haben. Wird es ganz verrückt, zieht der Sohn etwas weiter entfernt in die Nähe seines neuen und eigenen Anbaugebietes (für Platano verde natürlich). Töchter können nur mit der Wahl ihres Ehemannes indirekt mitbestimmen, wo es sie einmal hinverschlagen wird.

  

Vergnügungs Leben

Wir hatten neben unserem fast schon ausufernden Dreistundenjob als Lehrer natürlich auch noch ein wenig Zeit, um uns in der grössten natürlichen Spielwiese der Welt austoben zu können. Hier hatten wir die Möglichkeit einen Wasserfall zu besuchen, mit dem Spuckrohr zu üben, die Pflanzen im Umkreis näher kennen zu lernen, Fischen zu gehen, eine Bastkorbherstellung zu beobachten, natürlich dem Chichaentstehungsprozess bewundern zu dürfen und und und. Fast schon wie in einem Themepark ;)

 

amazonia 12Zuallererst heisst es den “Rio Kapawi” zu überwinden. Schwimmend ist nur unter grössten Anstrengungen möglich. Man sieht zwar kaum eine Strömung, spürt sie allerdings sofort, wenn sie einem ohne Gnade nach Peru schicken will.amazonia 15Hier haben schon unzählige Männer ihren Ayahuascajungfräulichkeit verloren.amazonia 16Rotkäppchen und der Fall.amazonia 26Jetzt wird es ernst. Kriegsbemalung mit natürlichen Farben der Schablataluna und Taronuana Pflanze (natürlich lüge ich, wer soll sich die ganzen Namewn auch alles merken).
amazonia 27Auch Jorge wurde dschungelgerecht vorbereitet.dschungelleckereien 3Präzessionsspuckrohr mit peruanischen Giftpfeilen.amazonia 25Bastkorbbasteln.amazonia 36Amazonasentdeckungen immer nur mit Machete.amazonia 11Zahnloser Gefährte, mit dem Sekunden vorher noch die Kids gespielt hatten.amazonia 7Larve wie aus Holz geschält.amazonia 9Krellorangener Tausendfüsser mit 267 Beinen.

 


 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
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