Backcountry – Mount Shasta

Nachdem unser “Trainingslager” am Castle Peak so extrem positiv in allen Hinsichten verlaufen ist und so sehr viel Hunger auf mehr machte, war es nur eine Frage der Zeit bis es wieder los gehen sollte. Das naechste verlaengerte Wochenende stand zu Ostern vor der Tuer. Eine perfekte Zeit um sich die Nummer Fuenf der hoechsten Berge in Kalifornien zu Gemuete zu fuehren – Mount Shasta. Was kann es besseres geben, als sich diesen Modell-Vulkan in einer Winterbesteigung eigen zu machen. Gesagt, getan.
 
Also ging es Freitagabend noch nach SF um die noetigen Utensilien auszuleihen. BOEP, schlechte Idee. Allgemein sollte man es immer unterlassen nach San Francisco zur Primetime des Autoverkehrs einzureisen. Wer dies noch an einem Freitagnachmittag macht ist halt selbst selten bloed. Also verbringt man die ersten 3h der Anreise auf dem Weg nach, in und raus aus “The City”. Dass wir so auch nicht unser Ziel des Tages erreichen konnten war uns dann schon fast schon auf den ersten Kilometern des Highways klar. Also war das neue Ziel einfach nur noch: so nah wie moeglich ran kommen. Das verlaengerte Wochenende liess uns hierfuer ja auch alle Zeit der Welt. Aus einer gechillten 5h Anreise wurden so aber mehr als 8…bis zum Motel, was noch immer weitere 2h vom Berg entfernt lag ;) 
Da es sich aber quasi nur um eine ellenlange gerade 2-spurige Strasse handelt konnte man schoen ab ca. 200 Meilen Entfernung bereits den schneebedeckten Gipfel beobachten…
 
 
Schon witzig, wenn das Navi einfach nur eine gerade Strasse fuer die naechsten 192 Meilen anzeigt – wo bleibt nur das Google-Auto?!?
 
 
Etwas Gutes muss die Verspaetung durch Chaosverkehr ja haben – SF sagt Gute Nacht.

 

Baybridge mit endlich wieder normalem Verkehr.

 

Eine tolle Aussicht direkt vor der Nase, die einen stundenlang begleitet.
 
 
Nach einem kurzen Fruehstueck in einem sehr suessen Cafè in Mount Shasta Village ging es direkt zum Trailhead, wo mit Erschrecken das Ausmass einer voellig beknackten Packorgie ersichtlich wurde. Klar – fuer 3 Tage am Berg braucht man schon ein paar Schlueppies und Hemden, Nudeln und Tools. Aber man kann es auch uebertreiben. Gerade auch dann, wenn man es selbst dem Berg hinauf schleppen muss. Also alles noch einmal auf den Pruefstand gelegt und aussortiert. Dachte man, am Ende war es noch immer viel viel viel – aeh – viel zu viel ;)
 
Rucksack auf, Isomatten aussen dran, Stoecke in die Hand, Ski anschnallen, Helm auf und los. Bereits nach wenigen Minuten dann aber den Helm schon wieder runter, Jacke aus, Handschuhe weg, Pullover aus…das Ergebnis ist wohl sichtbar ;)
 
 
JA, Sonne + schwerbepackt + bergauf = Schweiss ;)
 
 
Erste Pause nach gefuehlten 10 Meilen, 2 waren es dann tatsaechlich – wenn es hoch kommt.
 
 
Caro mit Sicht-Faehnchen ;)
 
 
Gefuehlt ewig ging es gerade bergauf, immer das Ziel direkt vor Augen.
 
 
Unsere Spur – auf dem Weg zum ersten Etappenziel.
 
 
Geschafft, die erste Tour neigt sich 14 Uhr dem Ende entgegen ;)

 

…was aber nicht heisst, dass es nichts mehr zu tun gibt (an einer Schraegen muss man auch erst einmal ein gerades Plaetzchen fuer sein Zelt finden ;)
 
 
Was am Montblanc noch unmoeglich erschien…

 

…war hier in Windeseile mit kraeftiger Unterstuetrzung der Sonne ein Kinderspiel – die Trinkwasserversorgung war gesichert.

 

Caro erkalert uns die “Regeln fuer eine umweltgerechte Human-Waste-Entsorgung”:
Zielen, Falten, Verpacken, Mitnehmen.

 

Noch kurz Pustepuste und einem Dornroeschen Schlaf steht nichts mehr im Wege.
 
 
Das Lager ist errichtet – am Fusse von Mount Shasta. Unsere Route ueber die Red Banks im Hintergrund bei perfektem Sonnenschein.
 
 
Darauf erstmal anstossen.
 
 
Gegen 18:30 Uhr heisst es dann auch schon langsam Gute Nacht zu sagen, die Sonne verabschiedet sich.

 

Ein perfekter Tag – war nicht ganz einfach, aber die Vorfreude waechst und waechst. So ein schoenes Wetter, das muss doch einfach halten. Einen Tag nur. Bitte!
 
 
Als planende Vorbereitung hatten wir mehrere Telefonate mit unserem “Kumpel” Dan in der Rangerstation gefuehrt, die uns eigentlich recht unzuversichtlich gegenueber des Trips werden liess. Das Wetter. Immer wieder das Wetter. Perfekte Aussichten fuer die ganze Woche, dann am Wochenende, am verlaengerten Wochenende kommen die Regenwolken. Zum Kotzen.
 
Vorallem bedeuten Wolken im Shasta Gebiet auch immer gleich Wind und noch viel schlimmer – Schnee. Und da Schnee nicht nur nass sondern auch sichtbehindernd ist hat man an Bergen mit eigener Klimazone eben den ZONK gezogen. Gerade auf einer Route mit dem schoen beschreibenden Namen “Avalanche Gulch” moechte man doch ganz gerne erkennen wohin man tritt.
 
Jetzt hatte uns aber der Anreisesamstag sehr zuversichtlich gemacht. Sonne pur und kein Zeichen von Wolken. Auch Mitternacht war ein astrein klarer Sternenhimmel. Laut Dans Beschreibung sollten die fiessen Wolken auch erst gegen 11 Uhr Einzug erhalten. Heisst – der fruehe Vogel faengt den Wurm. Und dieser steht dann eben auch mal 1:30Uhr auf. Macht aber nichts, wenn man die Aeuglein eh schon um sieben geschlossen hat. Noch dazu – Manu konnte eh nicht schlafen, dann freut man sich eh wenn es endlich los geht ;))
 
 
Noch immer perfektes Wetter. Naja, perfekt vielleicht ein wenig uebertrieben, denn es ist einfach nur ARSCHkalt.
 
 
Schneller als der Bolt`sche Blitz sind wir also in unsere Kleider gehuepft und waren Abmarsch-fertig. Von nun an hiess es – bergauf! Immer und immer weiter. Das Splitboard war wieder in seine Einzelteile zerlegt wurden, die Antirustch-Felle angelegt und die Skistoecke helfend an der Seite. Stirnlampe auf und ab ging die Eisenbahn. Wobei Eisenbahn echt kein all zu schlechter Vergleich ist, denn mit Gepaeck und Steilheitsgrad ging das Schnaufen schnell in ungeahnte Aehnlichkeiten zu jener ueber.
 
Nach ca. 2 1/1 Stunden kamen wir am Hellen Lake an, einem sehr beliebten Basislager (fuer diejenigen zumindest, die nicht bereits bei dem erstbesten Platz am Anreisetag STOP gerufen hatten – klarer Vorteil in der Zeit, dafuer mussten sie am Vortag aber auch ihre komplette Ausruestung noch weiter hoch schleppen. Vorteil. Nachteil.). Vor uns konnten wir bereits erste Lichter am Steilhang sehen. Als wir gerade ein paar Zelte passieren gesellt sich auch noch ein Paerchen zu uns, die gerade erst gestartet sind.
 
Seit mehr als 3 Stunden geht es bereits bergauf. Gefuehlt wird es immer steiler – und das Prunkstueck an Steilheit steht uns noch immer bevor. Gefuehlt machen wir Null Fortschritte. Es geht einfach nicht voran. Der Atem schnauft, die Glieder brennen. Der Schweinehund will umkehren. Doch der Siegeswille treibt weiter.
 
Leider ist bei Manu hier Schluss, da sein Schweinehund heute zu gross ist. Zum Glueck ist das Paerchen noch nahe bei, so dass ich mich einfach an sie mit haengen kann. Dafuer wird es jetzt richtig steil. Die Antirutsch-Felle laufen am Limit. Immer wieder geben sie einfach nur noch nach, versagen die Arbeit. Jedes Wegrutschen muss mit den Armen aufgefangen werden. Die Stoecke werden elementar wichtig. Je steiler es wird, desto mehr sind sie die eigentlichen Arbeitsverrichter. Oder besser: meine Arme, die die Stoecke bedienen. Zu den schmerzenden Fuessen (es wird einfach zu steil, der Biegewinkel der Fuesse nervt und schmerzt) kommen nun auch noch brennende Oberarme hinzu. Immer wieder rutschen die Ski einfach und ohne jegliche Ankuendigung weg. Mit den Stoecken muss man wieder Halt finden. Gelingt dies nicht geht es mindestens 10 Meter rutschend und wild um sich fuchteln bergab, da man bei dieser Steigung und Vereisung gar nicht mehr so schnell zum Anhalten kommt.
 
Immer wieder muessen die beiden auf mich warten. Ich weiss es nervt sie, auch wenn sie nichts sagen. Mich nervt es selber. Ich will nicht so langsam sein. Aber gefuehlt komme ich Null voran. Bei den beiden mit Steigeisen sieht es so easy aus – einfach einen Schritt vor den naechsten und in kleinen Schritten dem Ziel naeher kommen. Ich versuche dasselbe, es passiert aber nichts. Die Felle haben mittlerweile keinen Halt mehr. Es ist definitiv zu steil fuer sie. Steigeisen fuer Ski waeren jetzt perfekt, aber laut dem Verkaeufer im Geschaeft definitiv nicht von Noeten. Zum Kotzen. Warum verlaesst man sich immer blind auf andere. Die Zeit scheint auch zu rennen. Es wird heller und heller…
 
 
Die Daemmerung ist schon mehr als fortgeschritten.
 
 
Weit von dort unten kommen wir.
 
 
Meine beiden Begleiter weit weit vor mir. Selbst das Maedel uneinholbar entfernt.
 
 
Immer wieder rutschen die Ski weg, die Kanten bekommen einfach nicht genuegend Grip. Meine Oberarme allein koennen mich nicht wesentlich weiter nach oben hiefen. Das schwere Atmen bekommt keine vernuenftig langen Erholungspausen. Leider kann ich mich auch nicht einfach eine halbe Stunde auf den Arsch setzen und mich ausruhen, der Nebel zieht ein. Genau wie es Dan voraus gesagt hat kommt nun das schlechte Wetter. Zu frueh. Mindestens 3 Stunden zu frueh. Im Tal scheint noch immer die Sonne, der Berg haengt sich immer mehr zu. Vom Gipfel ist schon seit Laengerem nichts mehr zu sehen. AAAAAARRRRHHHHH…
Immer wieder denke ich “das gibt`s doch nicht. Wir sind doch extra rechts am Herz vorbei – den Weg, den Dan als einfachsten, nicht ganz so steilen beschrieben hat. Perfekt fuer Skiaufstiege”. Denkste. Immer mehr zweifel ich an unserem Weg. Das kann einfach nicht passen. Und tatsaechlich – klar sind rechts neben mir Steine in einer Herzform zu erkennen. Stimmt es also doch – wir sind falsch gelaufen. Wir sind den steilsten Teil gegangen. Unglaublich dumm, bloed und bescheuert. Kein Wunder. Erklaert alles.
 
Mit den allerletzten Kraeften (so am Ende war ich noch nicht all zu oft in meinem Leben) erreiche ich die Red Banks (fast nicht, ich rutsche jetzt bei jedem Schritt weg). Dort treffe ich auch wieder auf das Paerchen, die es sich hier bereits “bequem” gemacht haben – im Nebel. Ich liege tot in der Ecke und bekomme nicht wirklich viel mit. Ausser, dass die Sicht immer beschissener wird. Das dumme, die Red Banks sind auch nur eine Zwischenstation. Durch sie hindurch, geht es ueber ihnen noch 2 Stunden weiter bis zum Gipfel. Eine Strecke, die ich mir ueberhaupt nicht weiter vorstellen koennte. Nicht in den kuehlsten Traeumen. Nicht mit Doping und Eigenbluttransfusion. NICHT.
 
Leicht faellt mir daher die Entscheidung fuer heute abzubrechen. Naja, was heisst leicht. Unglaublich schwer eigentlich. Aber sinnvoll. Zumal der Nebel sich mit dem Eis des Aufstieges untrennbar verbuendet hat und kein Weg, kein Abgrund und auch keine Gletscherspalten mehr erkennbar sind. Dumm weiter zu gehen, gerade wenn der Koerper fertig ist. So entscheide ich mich Wohl oder Uebel zum Umdrehen – das Paerchen geht weiter…
 
 
White Out – da es hinter diesen Steinen auf eine Art Plateau geht, von welchem die 5 Hauptgletscher zu allen Seiten herunter fallen, und die Sicht keine 2 Meter im Nebel betraegt wuerde ein Weitergehen keinen Sinn machen.
 
 
So werden die beiden Ski wieder zum Splitboard vereint, angeschnallt und los geht es. Nicht wirklich schoen, ganz und gar nicht – beschissen eigentlich – vereist geht es die ersten 500 Hoehenmeter ins Tal. Rutschen statt fahren ist angesagt. Wenn man faellt arsch-rutscht man gefuehlte Ewigkeiten, ehe man wieder Grip unters Board bekommt.
 
Erst in Naehe des Hellen Lake wird der Schnee besser. Griffig. Schoen. Fahrbar. Jetzt macht es auch nur noch Spass. Die Sicht ist wieder perfekt, hinter den Bergen kommt die Morgensonne herum – unglaublich – wo warst du nur dort oben wenn man dich braucht?? Haeehh??!?!?!
Schwungvoll geht es in perfekten Schneeverhaeltnissen auf der einsamsten Piste der Welt nach unten. Unglaublich schnell hacke ich am Lake vorbei. Die Zelte des Paerchen. Alles kommt einem so bekannt vor. Vor wenigen Stunden ist man hier noch hoch geprustet. Was fuer ein krasser Gegensatz. Vorher schweissgebadet kaempft man sich Meter um Meter nach oben. Jetzt, frierend durch den Fahrtwind schiesst man den Hang hinunter. Die Oberschenkel brennen. Wann hat man das schon – 10 Minuten am Stueck den Berg hinunter zu schiessen? In einem Skigebiet auf jeden Fall nicht. Die Oberschenkel zerreissen. Eine Zwangspause. Oben noch immer dichtester Nebel, von einem Gipfel fehlt jede Spur. Unten kommt die Sonne endgueltig ins Tal geschossen. Genau wie ich auf meinen letzten Hoehenmetern. Die Sonne im Ruecken, grosse Schwuenge, unglaublich hohe Geschwindigkeit weil einfach Platz und Grip vorhanden ist. Wo ist nur unser Zelt? Haeh, es muss doch irgendwo…ach da ist es ja. Aus grosser Entfernung ist ein klitzekleiner Fleck zu erkennen. Keine Minute spaeter kommt man angeschossen und knallt in die Schneeberge, die man keine 18h vorher ausgehoben hat.
 
Es ist 8:30 Uhr. 
 
  • 6 Stunden erbittertes Bergaufkaempfen. Und es war wirklich ein Kampf. Unglaublich hart – selten so eine Challange erlebt.
  • Nicht einmal 15 Minuten hat dann die Abfahrt gedauert. Bestimmt 1500 Hoehenmeter. Einfach so weggefahren. Selten war Leid und Extase sooo nah beieinander…
 
Wir verabschieden Manu in seine wohlverdiente Moteluebernachtung.

 

Leicht bepackt ist anders..

 

Wieviel Schnee liegt hier ueberhaupt???
 
 
Jetzt ist auch hier unten nichts mehr von Sonne zu sehen – eine ungemuetliche Nacht steht uns bevor.

 

Erklaert das leichte briselnde Geraeusch die ganze Nacht ueber. Ich hoffe, dass alle Bergsteiger rechtzeitig vom Berg gekommen sind…
 
 
Anreise bei purer Sonne. Zurueck vom Berg im Nebel. Abreise im Neuschnee.
 
 
Ein Rucksack auf Schneeschuhen.

 

Zwei Eskimos auf Reisen.

 

Von Sonne leider keine Spur mehr.
 
 
Das war er also – oder auch nicht. Mount Shasta, wir kommen zurueck!!!!
 
 
Was soll man nun also schreiben – als Schlusswort quasi. Zufrieden koennen wir nicht sein. Der Gipfel ist nicht bestiegen. Ein “Check” fuer den fuenfthoechsten Berg Kaliforniens koennen wir nicht geben. Das Ziel ist also ganz klar nicht erreicht wurden. Oder????
 
Auf der anderen Seite habe ich eine der krassesten und koerperlich anstrengendsten Klettertouren meines Lebens unternommen. An die Grenzen seines eigenen Koerpers kommt man nicht alle Tage. Was auch gut so ist. Sie aber zu kennen ist von so unglaublichem Nutzen und Vorteil, so dass allein diese Erfahrung nur staerken kann. Der Winter hier oben dauert noch ein wenig an, die Tage werden laenger und laenger – wir kommen einfach zurueck. Versprochen.
 
Fail and Win,
Euer Kiwi
 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
Stefan

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