Chimborazo

6,263.47 m / 20,549.4 ft

Der höchste Punkt Ecuadors.

Der höchste Punkt in unmittelbarer Nähe des Äquators.

Jetzt wird es also ernst. Alles vorher war nur Vorbereitung auf das was jetzt kommt. Kindergeburtstag quasi. Caro ist zurück in den Amazonas um noch ein paar Tage auf einer Permaculture Farm zu verbringen. Mit Caro ist aber gleichzeitig auch mein treuer Kletterpartner abgereist. Dumm.

 

ecuador 37Neue treue Begleiter.ecuador 38Die Vicuñas sind Verwandte der Lamas und wilder Vorgänger der Alpacas (die stecken doch alle unter einer flauschigen Decke).

 

Voller Zuversicht reise ich jedoch schon einmal vorsichtshalber beim Refugio Carrell an. Dieses liegt mit 4.850m bereits knapp über Mont Blanc Höhe. Muss man sich halt einfach mal vorstellen, dass ich bis zur Spitze des höchsten Berges der Alpen mit dem Auto fahren kann ;)

 

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Partnersuche

Tagsüber wird es hier sogar richtig voll, leider aber alles Tagestouristen mit denen ich erst gar nicht erst anfangen muss zu philosophieren und diskutieren ob sie mich in ihr Team aufnehmen würden. Also gehe ich erst einmal ein wenig Richtung 2. Refugio (Whymper), dass auf knapp 5.000 Metern liegt, um mich weiter zu akklimatisieren. Leider die Gletscherbrille vergessen. Super dumm. Nach knapp einer Stunde tun die Augen nur noch weh und sehen auch nicht wirklich viel. Also ab in den Schatten der Hütte, hier ist schön dunkel und einen heissen Tee geniessen. Einsame Bergsteiger, die auch auf der Suche nach einem Partner sind, sehe ich nicht. Also ab ins Bett, ist ja auch schon 19 Uhr.

Am nächsten Morgen treffe ich zwei Langhaar-Zottel, die hundert prozentig Bergsteiger sein müssen. Waren sie auch. Dumm nur, dass sie soeben von ihrem erfolgreichen unguided Trip vom Gipfel zurückgekehrt sind. Fanden sie auch schade, hätten mich sonst sofort eingeladen in ihre Seilschaft. Aaaaaaaarg, wahrscheinlich meine einzige Chance vertan. Da sie aber ohne Guide unterwegs waren, was in Ecuador auf allen Bergen oberhalb von 5.000 Metern verboten ist (haben wir uns bisher ja auch ganz stark dran gehalten) und am Chimbo ganz besonders forciert wird, haben sie sich tags zuvor ins Bachcountry geschlichen, gezeltet und von dort den Gipfel bestiegen. Ok, Chance vertan. Nutzt aber alles nichts, die Suche geht weiter.

 

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Die nächsten 1 1/2 Tage quatsche ich mit so ziemlich jedem Guide und Tourist, der eventuell auch nur ansatzweise so aussah als ob er Ambitionen zum Klettern hätte. Allgemeines Feedback allerdings: “Du brauchst einen Guide. Ich kenne einen, nur 200 Dollar”. Oder auch “Wir sind voll, habe bereits 2 Klienten” (ein Guide darf jeweils nur maximal 2 Klienten führen).

 

Partnerfindung

Abends in der Hütte erwähne ich ganz nebenbei zum gefühlten 4748392 Mal, dass ich einen Kletterpartner suche. Ein anderer Guide, Ñato, mit dem ich bereits einige Male geschnaggelt hatte, hört dieses Mal wohl richtig hin und meint, dass sein Guide-Kumpel noch einen Platz offen hätte, quasi nur einen Klienten hat (später stellt sich heraus, dass ich diesen einen Klienten auch schon dutzende Male zuvor in der Hütte gesehen hatte). 90 Dollar. Riesen Schnäppchen. Zack bumm, plötzlich geht es ganz schnell. Abmarsch in 3 Stunden. Also fix zurück ans Auto, Sachen packen, ordentlich abendbroten und dann habe ich nur noch knapp eine Stunde. Reicht also nicht mal mehr zum Schlafen, aber für eine Folge Stranger Things ;)

 

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Aufstieg

Ohne Schlaf geht es 21 Uhr zurück zum Refugio um die restlichen Sachen zu packen und noch einmal aufzuwärmen um dann endlich gegen 22:30 Uhr als erste Seilschaft loszuziehen. Wieder geht es hinauf zum 2. Whymper Refugio, was wir dieses Mal rechts liegen lassen und zu einer kleinen Lagune weiterziehen, wo wir unser restliches Kletterzeug anlegen. Im zuerst noch gemächlichem Steilheitsgrad geht es im Zick-Zack hinauf in Richtung “El Castillo”.

Bevor wir jedoch viel weiter kommen, macht sich plötzlich der Atem des zweiten Klienten mehr und mehr bemerkbar und wie aus dem Nichts heisst es plötzlich er könne nicht weiter. Er traut sich die weiteren 800 Höhenmeter in seinem aktuellen Zustand nicht weiter zu und fühlt sich sowohl physisch wie auch psychisch zu schwach. Da wir eine Seilschaft sind steht somit auch das sofortige Umkehren fest. Alleingänge sind nicht möglich, da mit der Seilschaft der Guide (Juan) auch die Verantwortung für mich übernommen hat. Daaaaamn, das kann doch jetzt nicht wahr sein. So lange gesucht und nichts gefunden. Dann doch und alles ging ganz schnell. Jetzt wieder doch nicht? Sollte ich wieder auf 5.500 Metern umkehren müssen ohne den Summit gesehen zu haben wie beim Cayambe? Regeln sind aber Regeln und machen manchmal halt einfach sogar Sinn.

 

Umkehr

Also geht es mit absolut niedergedrückter Miene wieder dem Tal entgegen. Tschüss Chimborazo. Nach ein paar hundert Höhenmetern kommt uns Ñato mit seinen beiden Klienten entgegen. Recht langsam wie mir scheint. Zu langsam wahrscheinlich für den Gipfel. Er stoppt uns und meint, dass auch von ihm ein Klient umdrehen müsse. Ooohhh, Hoffnung.

 

Umkehr von der Umkehr

Und wieder geht es ganz schnell. Beide Klienten werden einfach ausgetauscht (geht wohl ohne Probleme, da Juan und Ñato zur selben Gesellschaft gehören) und plötzlich geht es wieder schnaufend nach oben. Ein absolutes Wechselbad der Gefühle. “Wir werden es wohl trotzdem nicht ganz bis zum Gipfel schaffen” meint Juan plötzlich wie aus heiterem Himmel. “Wir haben durch den Abstieg zu viel Zeit verloren” (unterhalb des Castillos gibt es eine sogenannte Bowlingbahn, ein Stück Gelände, wo beim Erwärmen durch die Sonne unendliche kleine Felsbrocken losgelöst werden, den Berg hinabrollen und die im Weg stehenden Kletterer wie Bowlingpins durch die Gegend schmeissen. Oder auch nicht. Glücksspiel). Wir ziehen den Finger und für die nächsten 90 Minuten geht es raketenmässig nach oben. Unglaublich schnell gewinnen wir an Höhe und erreichen auch schon bald  das Castillo auf 5.800 Metern.

 

Folge der Kante

Von hier geht es quasi “nur” noch der Ridge entlang nach oben. Immer weiter nach oben. Scheinbar endlos. Leider lässt unser Raketenantrieb ab jetzt raketenartig nach und ich muss immer öfter kurze Verschnaufpausen einlegen. Und dabei dachte ich doch ich sei fit und akklimatisiert. Aber scheinbar spielt unser kleiner Parasit immer noch seine Nachwehen aus. Jedenfalls kommen wir sehr langsam und stockend voran. Kein Hunger. Kein Durst. Nur das endlose Eisfeld vor uns. Es dämmert, dennoch ist mir arschkalt. Die Verhältnisse sind eigentlich ganz gut. Klarer Himmel. Kein Regen. Kein Schnee. Wenig Wind. Dennoch eisen wir von Minute zu Minute immer weiter zu. Die Finger sind nicht mehr zu spüren, trotz meiner tollen neuen Summit Mittens. Wieder Pause. “Wie lange dauert es eigentlich noch?” 3-4 Stunden seine nicht sehr zufriedenstellende Antwort.

Das kann doch echt nicht sein, wir sind doch schon fast 6 Stunden unterwegs. Also langsam weiter. Schritt. Pause. Schritt. Pause. Meine Gedanken kreisen sich um alles und nichts. Nichts Klares zu mindestens. Immer nur das dumme dumme Schneefeld vor uns. Und die Pausen. “Wie lange noch?” Jetzt sind wir auf ziemlich genau 6.000 Metern Höhe. Ein neuer Rekord, das erste Mal die 6.000 durchbrochen. Ein kurzer Motivationssschub. Wenn wir schon bis hierher gekommen sind, muss es doch irgendwie klappen. Vor uns liegt auch nur noch eine andere Seilschaft, alle restlichen weit abgeschlagen hinter uns. So langsam können wir also gar nicht unterwegs sein. Und dass trotz Umdrehens. Das muss doch klappen. Dennoch fast noch 300 Höhenmeter Differenz.

 

Fake Gipfel

Doch plötzlich sind wir oben. Oder besser gesagt, auf dem ersten Summit, dem “Ventemilla”. Leider ist dies natürlich nicht der höchste Gipfel am Berg, sondern “nur” 6.230 Metern. Wie immer fast, man wird fast immer komplett verarscht am Berg und landet nie auf dem realen Gipfel zuerst, immer Fake. Von hier zum wirklich höchstem Punkt sind es noch einmal 35 Minuten. Ich könnte heulen, wusste es aber eigentlich bereits. Hatte ich nur verdrängt. Schnell frage ich Juan ob wir weiter können. Er jedoch kennt meinen Zustand und zögert. Wahrscheinlich DEN Mountaineering Spruch überhaupt im Kopf:

Am Gipfel hat man erste die Hälfte der Strecke erreicht

Mehrfach fragt er mich ob ich mir sicher sei und wir ja noch zurück müssten mit unseren Kräften. Zeittechnisch scheint es wohl keine Frage mehr zu sein, hier liegen wir wieder gut. Ich bin mir sicher, ich gehe hier oben nicht weg (ca. 50% aller Bergsteiger drehen wegen Erschöpfung und Zeitnot an diesem Punkt um). Nicht bevor wir auf dem richtigen Gipfel gestanden haben. Und so geht es weiter. Bergab. Halt, was??? Bergab? Richtig, soll ja auch nicht zu einfach werden. Allerdings haben wir immenses Glück und der Schnee ist noch relativ hart und lässt sich gut belaufen. Wäre hier oben der Schnee schon zuckerartig eingeschmolzen würden diese Schritte doppelt und dreifach schwer fallen.

 

Realer Gipfel

Aber wir kommen gut voran. Auf halben Weg kommt uns die Führungs-Seilschaft mit fettem Grinsen entgegen. Sie haben es bereits geschafft, für uns sind es noch 15 Minuten. Und Plötzlich geht es auch wieder nach oben. Na Gott sei Dank. Sogar recht steil, oder kommt es mir entkräftet nur so vor?! Doch den Gipfel lässt uns keiner mehr nehmen. Die Sonne als Motivator zieht es uns förmlich nach oben. Und da ist er – Gipfel Whymper.

6.263,47 m oder 20.549,4 ft

Eine unglaubliche Erleichterung überkommt mich. Gemüscht mit Tränen in den Augen, Sonne im Gesicht, Wärme an den Händen und Juan in Umarmung ist der Moment perfekt. Leider können wir nicht ewig unseren Sieg feiern, steht doch noch ein langer Abstieg bevor. Der Schnee wird mit zunehmender Sonne auch nicht besser und die Bowlingalley wartet ja auch noch. Also geht es kurz nach 7:30 Uhr wieder bergab. Meine sonstige Paradestrecke (bergablaufen in Mountaineering Boots liegt mir einfach) passt heute allerdings gar nicht. Auch bergab benötige ich immer häufigere Pausen, da meine Oberschenkel absoluter Brei sind und kein Gewicht oder Belastung mehr halten können. Auch hier spielt sicher der Parasit noch eine entscheidende Rolle.

 

ecuador 44Am realen Gipfel fallen ein paar kleinere Anspannungen ab.ecuador 43Ganz eingeschüchtert von Eis und Kälte ein kurzer MOment des Geniessens in Ruhe.ecuador 45Juan und ich auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt (Erklärung etwas weiter unten).

 

Abstieg

Richtig richtig ätzend ist der Abstieg. Wieder verschwinde ich in meiner kleinen unklaren Gedankenwelt. Jedoch kommt das Whymper Refugio laaaaangsam näher. Irgendwann ist es Zeit zum Abnehmen der Crampons. Irgendwann irre ich nur noch planlos durch die letzten Meter zum ersten Refugio. Irgendwann bin ich da. Zurück bei Morrie, zurück auf “nur” noch Mont Blanc Höhe ;)

Geschafft. Mein höchster Gipfel, meine härteste Besteigung. Aber geschafft. Und alles andere ist egal…

 

Chimborazo Höhe

Was jedoch nicht egal ist, und jetzt wird es wieder ein wenig nerdig, ist die eigentliche Höhe des Chimborazo. Denn hier wird es richtig interessant. Der höchste Punkt Ecuadors ist lange nicht auch der höchste Punkt der Anden. Das ist mit 6.961 Metern ganz klar der Aconcagua und hat sich damit auch seinen Status als einer der 7-Summits reichlich verdient. Jedoch, hihi, ist der Chimborazo der nächste Punkt zum Weltraum. Oder anders, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernteste Ort auf der Erde (knapp vor Huascaran Sur in Peru gefolgt). Weiter also noch als der Everest. Ganze 2 Kilometer sogar. Und dass, obwohl der Everest ganze 2.585 Meter höher ist als der Chimborazo. Hääää? Wie jetzt? Wie kann der Everest 2.5 Kilometer höher sein wenn der Chimborazo knapp 2 Kilometer höher reicht? Spielt hier die Physik verrückt?

Nein, leider nicht. Ganz und gar nicht. Nur die Erde an sich, da sie nämlich keine runde Kugel darstellt sondern eine Ellipse, welche am Äquator wesentlich “dicker” ist als anderswo. Und da der Chimborazo nur ganz ganz knapp (1°) neben dem Äquator liegt und somit 6.384,4 km vom Erdmittelpunkt entfernt liegt sind es beim Everest auf fast 28° nördlicher Breite nur 6.382,3 km. Somit ist der Chimborazo ganz klarer Sieger gemessen vom Mittelpunkt, auch wenn er Höhenmetertechnisch von der Meereshöhe klarer Verlierer ist. Nature rocks!!!!

 

ecuador 39Natürlich lassen die Ecuadorianer keine Möglichkeit aus, ihren höchsten Berg der Welt zu preissen.ecuador 49Abschied vom Berg, ein trauriger langer Hals blickt mir lange im Rückspiegel nach ;)ecuador 50Tschüss ihr flauschigen Flauschies, jetzt schon fast mein Highlight von Ecuador ;)

 


 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
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