Drei Zinnen 2/4 – Toblinger Klettersteig

Schnee!!!

Mit jedem Meter mehr den es um den Felsen zur schattigen Nordseite ging gibt es mehr und mehr davon. Viel mehr. Und jeder, der auch nur ein paar wenige Sekunden im Jahr mit Klettern verbringt weiss:

Felsen + Feuchtigkeit = Dumm 

Sau dumm. Ist ungefaehr vergleichbar mit den beruehmt beruechtigten Balkonarbeiten auf einem wackeligen Drehstuhl, “Reinigungstruppen, die beim Aussäubern eines Benzintanklastzuges per Feuerzeug überprüften, wie sauber die Tankinnenwaende inzwischen waren; Teenager, die beim Liebesspiel auf der Autobahn natürlich überfahren werden; die Geschichte von der kriminellen Gang, die mit Klappmessern einen Raubüberfall auf einen Schlachthof versuchte – während der Arbeitszeit der Ausschlachter, kroatischen Soldaten, die mit Handgranaten Jonglieren lernten oder Kameramaennern, die Fallschirmspringer im Flug filmen wollten, ihre Kameras zwar dabei, die Fallschirme aber vergessen hatten” (hab nicht ich mir ausgedacht…)

Der Darwin Award laesst gruessen.

Noch kommt dazu, dass der Schnee ziemlich tief ist und man nicht sehen kann worauf man ueberhaupt rum laeuft. Was ist eigentlich unter mir? Ist es ein sicherer Stand, kann ich hier lang laufen oder sackt gleich alles ab? Schwierig. Noch dazu sind wir voellig temperaturnaiv und von der warmen Sonne geblendet angekommen und haben weder ordentliche Handschuhe noch Steigeisen oder diverse andere Hilfsmittel dabei. Normalerweise habe ich mich nicht so mit kalten Haenden, bin ich ja gewohnt von daheim, fast 30 Jahre bald ;) Kalte Haende ist also nichts Neues. Aber hier, am Fels wo man gerne auch etwas Gefuehl  in seinen Fingern haette ist bereits nach wenigen Minuten Schluss mit Gefuehlen jeglicher Art. “Hallo Finger, seit ihr noch da??”

Alles ist bisher natuerlich noch kein Grund umzukehren. Natuerlich nicht, waere ja gelacht. Also geht es im Tiefschritt tief atmend den Weg weiter nach oben. Stueck fuer Stueck, oder eher Zentimeter fuer Zentimeter. Leider nicht sehr weit, denn dann wird es ziemlich steil. Unter dem Schnee scheint sowas wie Steinschlag…Split…Schotter oder was auch immer zu liegen. Jedes Mal wenn man einen Schritt nach oben stemmt sinkt man erstens bis zur Kimme ein, dann rutscht das ganze Gewuehle auch noch nach unten. Wie die viel zitierte Schnecke im Matheunterricht: 30cm nach vorne, 18cm wieder zuerueck. Wann hat die Schnecke eine Strecke von 5m zurueck gelegt???

Maaaaan ist das schwer. Schweisstreibend und gleichzeitig atemraubend. Nicht atemberaubend, wenn es auch die umgebende Landschaft tatsaechlich sein koennte. Blicke hat man hierfuer aktuell keine. Nur dieses ungute Gefuehl sich nicht wirklich sicher zu fuehlen. Kaelte und kaeltere Haende. Und Wegrutschen. Bloede Kombination. So kommen wir nicht weiter. Oder?

Och mann, ich mag es doch ganz und gar nicht umzukehren. Moegen? Ich HASSE es! Es muss doch einen Weg dort hoch geben. Ich mein, ein Selbstlaeufer ist dieser Klettersteig beileibe nicht, aber bereits nach 5m wieder umkehren?

Da ich der absoluten Ueberzeugung war, dass es definitv einen Weg – irgendwo – geben muss und ausserdem die Wegbeschreibung auch irgendwas von etlichen Leitern erzaehlt hat, von denen wir bisher noch nicht eine einzige gesehen haben, hat mich dies recht zuversichtlich gestimmt. Vielleicht ist der Einstieg ja ganz woanders?

 
Los geht es mit dem Schnee. Links der Felsen, an welchem man sich wunderbar mit seinen immer kaelter werdenden Fingern festhalten kann, rechts geht es bereits nach unten.
Noch kurz die Aussicht geniessen – dann ging es in den Tiefschnee.
 
 

Und tatsaechlich. Einmal um den dicken Felsen links neben uns stibitzt, ein langer Griff um ihn herum, den Koerper nachgezogen und da waren sie…die Leitern. Also doch der falsche Einstieg vorher. Naja, kann man ja auch nicht alles wissen. Oder ahnen.

Sofort schlug die Laune wieder in Entdeckerstimmung um und es ging los. Nach oben. Weit nach oben. Eine Stufe nach der naechsten. Stufe. Stufe. Stufe. Es waren einige Leitern zu meistern. Viele. Um nicht zu sagen – 17! Natuerlich haben wir auch offiziell jede einzelne Stufe mit dem Klettersteigset eingeklickt. Natuerlich. Dauert ja auch gar nicht lange…

 
 
Auch ich musste mir langsam eingestehen, dass, trotz staerkstem Sonnenschein auf der Suedseite, im Norden – im Schatten, die Waerme laengst nicht ausreicht um weiter kurzaermelig zu klettern. Menno.
Leiter um Leiter…
…um Leiter um Leiter…
…um Leiter und Leiter ging es nun nach oben. Helm dabei, wichtiger fuer den Nachsteiger, immer Zeit fuer nen Schnappschuss – muss sein – geht es nun nach oben. Schoen in Ruhe, ham ja Zeit.

Troblinger

Tataaa…OBEN. Am Ende wars dann doch leichter als gedacht. Selten war der Begriff Himmelsleiter passender!
Dynamisch und elegant werden die letzten Huerden genommen – im Hintergrund wartet das Gipfelkreuz.
Der heimliche Sieger…ist das Wetter! Und die Jahreszeit. Definitiv. Wie unglaublich passend. Noch vor einer Woche haette man hier keinen Zentimeter weit gucken koennen und die beruehmt beruechtigte Hand nicht vor Augen gesehen. Und jetzt das. Noch dazu sind wir auf diesem sehr beliebten Klettersteig einfach mal die einzigen Menschen unterwegs. Wir und das Kreuz. Wir und der Berg.Wir…
Natuerlich darf auch das obligatorische Einschreiben ins Gipfelbuch mit hoch philosophischen Spruechen nicht fehlen.
Toblinger SummitEigentlich kein super spektakulaeres Foto…Viel witziger ist eigentlich die Entstehungsgeschichte dazu (welche auch meine etwas verkrampfte und gebogene Haltung erklaert): 
 

Wir zu zweit dort oben, wollen natuerlich auch beide und vor allem gleichzeitig auf das Foto. Was macht man? Selbstausloeser. Klar. Nun hat man meist die Wahl zwischen 2 und 10 Sekunden (wieso gibt es bei DSLR eigentlich immer noch Kameras, wo man keine beliebige Sekundenzahl eingeben kann? Und wieso muss ausgerechnet ich so ein Modell erwischen. Schlecht!) Also waehlt man 10 Sekunden Ausloesung. 5x mehr Zeit als die kuerzere Auswahl. Sollte doch reichen, oder? Klar. Sollte es. Wenn man laufen und balancieren koennte und evtl. weniger Schnee einem den Weg erleichtern wuerde. Klar, waere kein Problem. Aber in diesen unglaublich und schwindelerregenden Hoehen wir hier in den Suedtiroler Alpen, da spielt der Gleichgewichtssinn schon einmal verrueckt ;) Wenn jetzt noch die gemeinen Schneeschlangen anfangen einem das Bein zu stellen, dann sind 10 Sekunden ploetzlich gar nicht mehr so lang. Naja, also sputet man sich, gibt vernuenftig Gas, knickt um, gleicht sich aus, rutsch weg, findet wieder Halt…naja, am Ende reicht es halt nicht mehr bis zum Kreuz und man schmeisst sich einfach nur noch irgendwie und irgendwo ins Bild. Ende der Story.

 
 
Meine Spuren, Zeichen eines Erstbestiegs.
Ueber einen Grat geht es zum eigentlich “viel leichterem Abstieg, den man nur noch nach unten folgen muss”. Also keine Leitertortur mehr. Nur noch nach unten, wie es die Beschreibung sagt. Ganz einfach…
…waer es ja auch gewesen. Wiederum – ohne Schnee. MIT Schnee ist wieder alles ganz anders. Kalt, gefuehlslos,rutschig, unuebersichtlich. Es gibt zwar dieses wunderbare Seil zum Festhalten an manchen Ecken, aber immer dann wenn es steiler wird, oder der Schnee zunimmt und man wieder nicht wirklich sehen kann auf was man ueberhaupt absteigt, immer dann ist das Seil gerade nicht greifbar. Dann kommt die gute alte Auf-dem-Arsch-und-abwaerts-gehts-Technik zum Einsatz. Alt, aber bewaehrt.
Bald, ganz bald schon werden wir wieder in die Sonne klettern. Und alles wird besser.
Wieder zeugen unsere Spuren von der Jungfraeulichkeit dieser Strecke.
Tja, und zappzappzerapp war es das auch schon wieder. Der Toblinger ist Geschichte, Haken dran, eine geglueckte Besteigung, gut fuers Selbstbewusstsein, wir haben dem kalten Schattenreich den Ruecken gekehrt und sind zurueck im T-Shirt-Wetter…
Drei Zinnen Blick…und mit diesem chillt es sich doch bekanntlich am besten! Wetter und Panorama. Fettes LIKE!
Ein weiteres Ritual, was natuerlich keinstenfalls vernachlaessigt werden darf: “Speed mit Weitsicht”.
Drei Zinnen SeiteDie Schatten der 3 Brueder werden wieder laenger, wir sollten uns beeilen – ham wir doch noch viel vor. Vorallem der lange Weg ganz zurueck bis zum Auto demotiviert doch stark. Wieso nochma ham wir nicht gleich alle Sachen mit zum Basislager geschleppt??? Achja…war unmoeglich tragbar. Na gut, dann also los.
Widerstand.
 

Zwischendurch gab es leider noch einen starken Daempfer fuer die Motivation. Wie die Sonne so langsam hinter den 3 Gipfeln verschwand war schon sehr witzig und wunderschoen anzusehen. Doch noch immer bescheint sie unseren Rueckweg. “Was das doch fuer ein Bild werden muss wenn sie gerade zwischen den 2 Felsen verschwindet und womoeglich noch den Himmel einfaerbt??” hab ich mich staendig gefragt. Noch ist sie da…

Aber hey, was machst du jetzt? Wieso verschwindest du ploetzlich so rasend schnell? Erst gar nicht und jetzt mit Siebenmeilenstiefeln? So warte doch, habe mein grandioses Bild ja noch gar nicht im Kasten. Schatten. Ueberall Schatten. Das gibt es doch gar nicht. Wo ist die Sonne hin? Die Schattenwelle hat uns ueberrannt. Fast – eine letzte kleine Wegstrecke leistet erbitterten Widerstand. 50m vor mir. Zum Greifen nah. So wunderschoen glitzert noch der Schnee. Also hurtig. Zack Zack! Somit wird der Schritt beschleunigt. Aus dem ohnehin schon zuegig wird zuegiger. Und zuegigst. Ueber leichtem Trab geht es ins leichte Joggen ueber, Steigerungslauf, Sprint und schliesslich Bolt`scher Kugelblitz. Nur noch wenige Meter, aber der Schatten bricht mit Lichtgeschwindigkeit (witzig…Schatten…Licht) herein. Ein Kampf um wenige Zentimeter. Mensch gegen Natur. Das sieht machbar aus. Dort vorne ist das Licht. Dort vorne entsteht mein Foto. Noch 5 Meter, 4, 3, 2, noch immer Sonne, 1 Meter, 50 Zentimeter, eine Handbreite und

WEG. Die Sonne ist weg. Vor 0.5 Sekunden noch dagewesen ist sie nun weg. Urploetzlich weg. Und nicht einfach nur knapp weg. Nein, Gleich 5 Meter weg. Zu hoch. Oben am Berg ist sie noch. Hier…nicht. Maaaaaann. Das gibts doch nicht. Hab ich was verpasst? Sprung im Raum-Zeit-Kontinuum?? Wie kann das sein?

Eigentlich war auch ein kurzer Abstecher zur weltberuehmten Nordwand geplant. Sie wirklich aus naechster Naehe zu sehen. Nach oben zu starren und all die wagemutigen Kletterer bedenkend, die diese Wand tatsaechlich und voellig unglaublich bestiegen haben. Aber unser Kampf die Nordwand zu erreichen scheitert bereits klaeglich im tiefen Stampfschnee des Zubringerweges – und im Zeitdruck. Wir muessen zurueck zum Auto und noch einmal Packesel spielen…

 
 
Kleine Zinne garnicht mehr so klein. Rechts die Nordwand, links unsere Suedwand.
Der Blick zurueck zeigt die Dreizinnenhuette noch immer im vollen Sonnenschein.
Ab jetzt geht es ganz schnell. Mit riesen Schritten fix zum Auto, alles aufbuckeln und wieder zurueck zum  Lager. Mit perfektem Timing schaffen wir gerade so noch den Sonnenuntergang…
Unser Lager am Fusse der Zinnen. Wir alleine: Soeren, Kiwi, die letzten Strahlen der Sonne, die Zinnen, die Natur. Das wars. Niemand sonst. Im Umkreis von vielen vielen Kilometern kein anderer Mensch (wie sollte es auch, kein anderer ist so dumm bei den nun einsetzenden Temperaturen hier oben im Zelt zu uebernachten. So dumm! So dumm???
So unglaublich genial viel mehr!!! ;)
Da geht sie…
…nicht jedoch bevor sie nochmal ordentlich ihren Rotpinsel heraus holt.
Immer laenger werdende Schatten und stuerzende Temperaturen kuendigen eine ungemuetliche Nacht an.
Aktuell is mir das noch Schnuppe. Keine Zeit fuer solche Gedanken.

Drei Zinnen Zelt 2

Drei Zinnen ZeltWir und die Zinnen. Sowas von Buddies! (interaktiv) 
Bye bye wunderschoener Tag. Allein wegen dir hat es sich eigentlich schon gelohnt!!! Nicht eigentlich. Es hat sich gelohnt. Hut ab.
Krass zu sehen wie unglaublich schnell es dunkel wird nachdem die Sonne richtig verschwunden ist.
Die letzten Ueberreste der Mont Blanc Besteigung werden noch fix vernichtet – gelohnt hat sich das lange Warten jedoch nicht wirklich. Schon garnicht fuer 7 Euro!!!
Da schmeckt das frischgezapfte gut gekuehlte  Bier schon weeeeeesentlich besser!!!
 
 

Was fuer ein grandios unglaublich schoener Tag.
Frueh am Morgen noch in Muenchen.
Dann die wunderschoene Anreise in die Dolomiten.
Die Wanderung zum Basislager – der perfekte Platz fuer Kommendes.
Unser Klettersteig am Toblinger.
Diese unglaublichen Panoramen und Aussichten auf die Drei Zinnen.
Ein leckeres Bierchen am Abend.
Unglaubliche Vorfreude auf das Kommende.
Dankbarkeit fuer dieses Wetter.

Noch ein letzter Schluck aus dem eiskalten Becher, dann ab in den Schlafsack. Die Stirnlampe auf und noch einmal studieren, wo es morgen frueh nochmal genau hoch gehen soll. Welche Kurven, Ecken, Kanten, Scharten, Anstiege, Schwierigkeiten, Steine und Kamine es alles zu ueberwinden gibt. Ach ja – die Hoehenmeter. Au weia, auf was haben wir uns da blos eingelassen? Sind wir fit genug? Haben wir genug Erfahrung? Ist das machbar fuer uns beide? Wie zum Teufel sollen wir uns mit den nur 3 beschriebenen Bohrhaken sichern? Ueber 600 Meter nach oben. Vertikal. Mann Mann Mann. Zweifel kommen auf. Koennen wir das? Sind wir bereit? Ehrlich jetzt – ist das ueberhaupt machbar mitten im Winter? Ich meine – wo sollten bei diesem wunderbaren Wetter sonst die ganzen anderen Bergsteiger sein? Wissen sie es besser? Wissen sie mehr als wir?

 
 

 
Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
Stefan

Latest posts by Stefan (see all)

Related Post



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *