Labor-Day Wochenende – die Kuer am Mount Whitney

Nach dem Trainingslager am Samstag und dem voellig verregnetem Sonntag geht es jetzt voellig motiviert in das Abenteuer Mount Whitney. Mit 14,505 Fuss (4,421 m) ist er der hoechster Berg der USA (ausserhalb Alaskas) und somit logischerweise auch der hoechste Berg Kaliforniens und an der Spitze des prominenten Clubs der fuenfzehn 14000er in selbigem Staate. Die Route war schnell gefunden. Aufstieg ueber die Standardroute (21 Kilometer mit knapp 2000 Hoehenmetern) und Abstieg ueber eine im Internet gefundene Alternativroute (immer schoen dem Navi hinterher).

 

Morgendliche Pflege mit ordentlicher Aussicht.

 

Dort geht es hin. Noch sind zu viele und zu dunkle Wolken am Himmel, da muss sich noch was aendern.
 
 
Los ging es puenktlich 02:15 Uhr am Whitney Portal, wobei ich hier nicht einmal der frueheste Fruehaufsteher war. In nicht all zu weiter Entfernung waren an den ganzen Zickzack Anstiegen schon einige Leuchtpunkte der Stirnlampen zu sehen. Meine Fuesse hatten einen ganz guten Lauf zu dieser fruehen Stunde, so dass ich einige der Lichtkegel muehelos und schnell ein- und ueberholen konnte. Was mir hier mal wieder aufgefallen ist – meine Stirnlampe ist einfach nur grottenschlecht scheisse. Wenn man allein durch die Nacht eilt faellt es noch nicht einmal auf. Aber wenn ich die ganzen top ausgestatteten moechtegern Profioutdoorler ueberhole und ploetzlich mein eigener Schein ueberhaupt nicht mehr existiert, dann kommen doch so langsam Zweifel auf. Wenn ich dann 50 Meter vor ihnen laufend mein eigenes Licht noch immer nicht sehen kann und der helle Pegel noch immer von den Ueberholten stammt, dann sollte der naechste Termin bei REI schleunigst wahrgenommen werden.
 
Nach gefuehlten und endlosen Links- und Rechtskurven, nassen Fuessen wegen uebersehener Pfuetzen (Thema Stirnlampe) und Langeweile – irgendwie geht die Zeit hier hoch ueberhaupt nicht um – gelange ich auf ein Plateau, wo auch endlich zum ersten Mal die eigentlich beschriebenen Zickzackkurven hinauf zum Kamm zu sehen sind (dabei dachte ich diese bereits hinter mir gelassen zu haben). Von nun an ging es also noch endloser nach links und recht und links und rechts. Groesste Abwechslung war jetzt die Beobachtung des Abstandes zu vor oder nach mir laufenden Partien – hier entstehen richtige Rennen im Kopf (“und nachdem Stefan in der letzten Kurve 30 Schritte Vorsprung auf seine aergsten Verfolger mit Rastamatte und gelben Rucksack hatte, ist der Vorsprung auf unglaubliche und fast schon nicht mehr einzuholende 33 Schritte massiv angewachsen…”).
 
 
Erstes Tageslicht, Lichtstreifen im Aufstieg, zweites Tageslicht am See, Schlafsackuebernachter im Geroellfeld.

 

Wunderschoener Sonnenaufgang.

 

Leider wollte die Sonne nicht lange bleiben und versteckte sich vorerst wieder hinter dicken Wolkenfeldern. Hauptsache kein Regen oder Gewitter.
 
 
Oben am Kamm angekommen sollte auch bald der erste Gipfel folgen.
 
“Halt, Moment mal. Erster Gipfel? Wie wo was? Ich denke Tagesziel ist Mount Whitney, ein Berg, wie kann es da einen ersten geben?!”
 
Mh, das stimmt wohl. Hier kamen ein paar andere dumme Fakten mit hinzu, die sich durch zu vieles Querlesen im Internet vorher im Kopf als kleine Idee festsetzen und nicht wirklich wieder loslassen wollen.
Erstens liegt Whitney auf einem Kamm, mit gleich 4-6 unterschiedlichen Gipfeln, die alle an der 4000er Grenze kratzen bzw. diese sogar ueberschreiten. Ausserdem gab es online bereits mehrere Summitposts, die von 4 erfolgreichen 14000ern an einem Tag berichteten. Da muss sich doch noch was machen lassen, oder?
 
Direkt nach Ankunft am Kamm lag also bereits der erste Gipfel vor mir. Ueber einen nicht naeher ausgeschilderten Geruempelhaufen ging es auf allen Vieren steil bergauf, bis die letzten 20 Hoehenmeter noch im Kletterstil zurueck gelegt werden mussten. Nichts kompliziertes, dafuer aber hoellisch kalt und unglaublich windig. Trotzdem war es um den ersten Gipfel des Tages geschehen und ich konnte mich ins Gipfelbuch eintragen.
 

1. Gipfel: Mount Miur – 4,273 m 

Wandern am Kamm.

 

Steinige Aussicht.

 

Immer wieder das Wetter checken.

 

Unzaehlige Kletterrouten fuehren die Steilwaende hinauf, fuer mich zaehlt heute allerdings nur das Kraxeln.
 
 
Huiiii…
 
 
Hinter Muir ging es ein wenig weiter entlang des Kammes, immer schoen die Aussicht geniessen, bis ich einen weiteren Gipfel unweit vom Wege entdecken konnte. Auch hier keinerlei Beschilderung, seine turmartige Form machte ihn aber sehr interessant fuer mich. Wie sich spaeter herausstellte hat dieser Gipfel auch noch einen perfekt passenden Namen. Die Spitze war in kuerzester Zeit auch bestiegen.
 
2. Gipfel: S´brutal Tower- 4,242 m
 
Vom Tower ging es weiter dem Kamm entlang, immer wieder vorbei an den ein oder anderen Spitzen. Eine davon war mein naechstes Ziel. Eigentlich waren es zwei Zwillingsspitzen und eigentlich wollte ich auch beide besteigen. Jedoch war mittlerweile die Zeit etwas voran  geschritten und meine Beine hatten auch erste – naja, keine Muedungserscheinungen aber immerhin ein “Hallo, wir haben heute schon ein wenig geschafft” Beschwerden. Also liess ich die flachere der beiden Spitzen aus und konzentrierte mich mit allen Vieren auf die andere. Was aussieht wie ein kurzer Abstecher war am Ende mehr als eine Stunde hartes Auf- und Abklettern, nur um auf der Spitze kein Gipfelbuch vorzufinden. Egal der Gipfel war erstuermt.
 
3. Gipfel: Keeler Needle – 4,346 m
 
 
Wie ein Katzensprung entfernt wirkt die kleine Spitze ganz links am Bildrand, weit gefehlt.
 
 
Nach der Keeler Needle lag dann auch schon der Aufstieg zum Mount Whitney direkt vor mir. Allerdings war ich fuer das, dass es der hoechste Berg der niederen 48 Staaten ist, mehr als enttaeuscht. Ueber einen sehr langgezogenen Buckel laeuft man ohne jegliche technische Anstrengung ca. 40 Minuten einfach nur nach oben, um dort eine kleine Huette mit Gipfelbuch und einen markierten hoechsten Punkt anzutreffen, den man ohne diese Markierung definitiv nicht so einfach haette finden koennen, da es wie ein uebergrosses Gipfelplateau war. Eine kurze Fotosession musste reichen ehe es in der Huette eine kurze Verstaerkung als Belohnung gab. Tolle Fotos konnte man aufgrund des Buckels und Plateaus eh nicht schiessen, steile Flanken und Abhaenge gab es logischerweise nicht. Irgendwie ging dadurch auch das grosse “WOOOOOOW, so krass, hoechster Berg der Staaten, wie geil” Feeling verloren. Das war bei den Drei Zinnen definitv ein viel emotionaler und bewegender Moment. Egal – Whitneeeeeeey Baby!!!!
 
4. Gipfel: Mount Whitney – 4,421 m – hoechster Gipfel der USA (ohne Alaska)
 
 
Gipfelbuch am Mount Whitney.
 
 
Normalerweise haette man sich jetzt mit den 4 Gipfeln in der Tasche auf den sicheren und einfachen Heimweg machen koennen. Dann waere es aber auch nur bei 4 Gipfeln geblieben. Laut meiner tollen Internetbeschreibung sollte die Mountaineers Route relativ einfach zum naechsten Gipfel fuehren, der dann aber nicht mehr am Whitney-Kamm liegt. Problem, ich kann den Einstieg in die Route nicht finden. Nichts ausser ein Feld von Geruempel und losen Steinen. Als ich nach 10 Minuten immer noch nicht den offiziellen Weg finden konnte ging es einfach hinab durch die Steine. Knoechelhohe Wanderschuhe waeren jetzt auch nicht schlecht gewesen musste ich nach dem Blick auf meine kleinen Laufschuhe feststellen.
 
Das Geroell hat irgendwie auch ueberhaupt kein Ende genommen. Einfach nur kraft- und zeitraubend. Und nervig. Nach gefuehlten Ewigkeiten war ich dann irgendwann im Tal, nur um festzustellen, dass es die gleiche Geroellscheisse jetzt auch wieder nach oben ging. Puuhhhh…
 
 
Lose Steine fuer einen nervigen Abstieg.
 
 
Schnee und Eis?

 

Aufstieg zum naechsten Gipfel. Man beachte die rechte Flanke ;)

 

Ueber einen sehr geilen und schmalen Kamm ging es dann dem fuenften Gipfel entgegen. Krux hierbei, wenn man denkt den Gipfel erreicht zu haben erkennt man erst, dass es nur der Ostgipfel ist, welcher natuerlich NICHT der hoehere von beiden ist. Also geht es wieder einem kleinen Abstieg hinab um dann endlich den Westgipfel ersteigen zu koennen. Hier gab es als Belohnung dann eine grandiose Sicht auf Whitney und Co.

 

5. Gipfel: Mount Russell – 4,296 m

 

Beweis im Gipfelbuch.

 

Mount Whitney.

 

Mount Whitney Panorama360° (klick fuer interaktiv)

 

Noch einmal Whitney.

 

Klasse Kamm mit klasse Flanken zu beiden Seiten.

 

Und noch einmal.

 

Lake Tulainyo, der hoechst gelegene See der niederen 48 US Staaten.
 
 
Nach einer weiteren kurzen, sehr kurzen, Staerkung ging es dem Kamm wieder zurueck nach unten, dem Ostgipfel wieder hinauf um dann endgueltig Mount Russel hinter mir lassen zu koennen. Einen Punkt gab es nun noch auf meiner imaginaeren Kopfliste.
 
Nach knapp einer Stunde Lauf- und Kletterei im einfachen Grad war auch dieser und der letzte Gipfel des Tages bestiegen. Hier kam dann auch endlich ein wenig Freude auf, da der schwierigste Part nun eigentlich vorbei sein sollte. Eigentlich…
 
6. Gipfel: Mount Carillon – 4,133 m
 
 
Eigentlich ziemlich dumm so seinen Feiertag zu verbringen.
 
 
Von Carillon ging es nun den GPS Daten der Internetroute folgend direkt hinunter zum See. Hier rechts abbiegen und ein wenig Abkletterarbeit leisten. Nach einer Stunde im Felsen realisiere ich allerdings schnell, dass hier etwas nicht stimmen kann. Es geht nicht weiter. Es geht nicht weiter, ohne sich an einem Seil abzuseilen. Dieses habe ich nicht. Es geht nicht weiter, ohne frei in der Steilwand zu klettern. Das will man nicht. Es geht nicht weiter, ohne die letzten 15 Meter im Sprung zu ueberwinden. Das gibt es doch nicht. Ich kletter doch jetzt nicht wieder die Stunde nach oben, waer ja voellig bloed. Es muss doch einen vernuenftigen Abstieg geben. Wie sollten sonst die anderen diese Route geschafft haben…und schon macht es klick, es war deren Aufstiegsroute. Hoch Klettern ist bekanntlich immer einfach als entgegengesetzt. Shit, sollte man doch mal richtig lesen. Oder es sich auch merken. Maaaaaaann, naja, irgendwo MUSS es einfach weitergehen. Und tatsaechlich, nach weiteren 5 Minuten Herumsuchens gibt es den wahrscheinlich einzigen Weg hinunter, den man laufen kann ohne steil und frei Abklettern zu muessen.
 
 
Mittelbild: hier sollte es runter gehen. Gluecklicherweise fand ich dann doch noch den Weg in die Rinne wo es zwar ungemuetlich aber sicher nach unten ging.
 
 
Nach dem Wirrwarr um die Strecke ging es dann noch gefuehlte Ewigkeiten dem Fluss entlang Richtung unten. Doch so richtig bergab ging es nicht, bzw. wollten die Hoehenmeter nicht so richtig fallen. So kam es wie es kommen musste, vor mir ein weiterer riesiger Abgrund ins Tal, wo dann auch die richtige Mountaineer Route verlief. Das kann doch nicht wahr sein. Gluecklicherweise war ich hier einfach nur ein wenig zu voreilig, es gab einen wunderbaren Krabbelpfad hinab. Hier stiess ich dann auch wieder auf 2 Kollegen vom Mount Russel, die froh waren mich wieder zu sehen, da sie mitbekommen hatten, dass ich nach dem letzten Gipfel irgendwie vom Wege abgekommen war.
 
Da die beiden aber ein wenig langsam fuer meinen Geschmack unterwegs waren und ich mittlerweile nach 15 Stunden echt die Schnauze voll hatte – ja, jetzt ging mir der Hike echt so richtig auf den Sack, gab ich richtig Gas und flog foermlich den Berg hinab Richtung Whitney Portal.
 
Was nun noch folgte, war eine der schwierigsten Wanderungen, die ich je unternommen habe. Sowohl Fuesse wie auch Kopf wollten einfach nicht mehr mitspielen. Die Senk-Spreiz-Knick Fuesse waren einfach durch. Die mehr als 30 Kilometer und 4000 Hoehenmeter gehen halt doch nicht spurlos an einem vorbei (auch wenn ich damals noch unter 30 war ;)
 
Der Kopf war auch am Ende. Eine Schimpftirade folgte der naechsten. Ab und an auch lauthals ausgeschrien. Wenn die Konzentration nachlaesst kann man auch nicht mehr laufen. Ein Holpern und Stolpern beginnt, was den Abstieg noch unbequemer und kraftraubender macht. Und das beschissene Ziel kommt einfach nicht naeher.
 
Nach gefuehlten Ewigkeiten bin ich dann auf die Standardroute zurueck gekommen. Endlich bekanntes Land. Endlich kann man sich von einem zum naechsten bekannten Punkt vom Morgen hangeln. Doch das Ziel laesst weiter auf sich warten.
 
So ging es fast noch 3 Kilometer weiter, bis ich endlich die glaenzenden Karossen der Autos erkennen konnte. Was fuer ein unsaeglich geiles und befreiendes Gefuehl. Ich liebe Autos!
 
 
 
6 Gipfel – 6 Fotos.
 
 
Gipfel des Tages:
  1. Mount Miur – 4,273 m
  2. S´brutal Tower – 4,242 m
  3. Keeler Needle – 4,346 m
  4. Mount Whitney – 4,421 m
  5. Mount Russell – 4,296 m
  6. Mount Carillon – 4,133 m
 
Enttaeuschung des Tages:
Mein Handy-Tracker hat leider seine Aufgabe nur ungenuegend gut uebernommen. Seine 12 Meilen stimmen hinten und vorne nicht, da allein die Normalroute bis zum Whitney ca. 11 Meilen ausmacht.
 
Nach knapp 16 Stunden war ich dann zurueck am Auto. Die Fuesse waren verblast. Kraft fuer richtige Freude hatte ich keine mehr. Kurz spaeter wurde es dunkel. Da ich keinen weiteren Urlaubstag mehr zur Verfuegung hatte ging es jetzt noch 8 Stunden mit dem Auto zurueck, um “gut ausgeschlafen und fit” am naechsten Tag wieder der Arbeit nachgehen zu koennen.
 
Hunger hatte ich nicht wirklich, obwohl ich den ganzen Tag ueber nur 2 Schokoriegel und 2 Aepfel gegessen hatte. Mit den 2 Litern Wasser war dies definitiv nicht ausreichend.
 
Was fuer ein Tag, was fuer eine Tour, was fuer ein Wochenende.
7 tolle Berge sind gefallen, 6 davon an einem einzigen Tag. Mit Langley, Muir, Whitney und Russell stehen 4 der 7 sogar in der offiziellen Liste der 15 hoechsten Berge Kaliforniens. Voellig im Arsch kann ich sagen, dass sich die Anstrengung definitiv gelohnt hat. Nur all zu bald sollte auf eine Wiederholung zwecks Erholung verzichtet werden…
 
 

6 summits a day – Mt Miur, S’brutal Tower, Keeler Needle, Mt Whitney, Mt Russell, Mt Carillon at EveryTrail


Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
Stefan

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