Mein erstes Mal…

…American Football. 
 
Jene Sportart, die wohl nur von Amerikanern komplett verstanden wird. Ueberall anders auf der Welt wird das Spiel entweder belaechelt (insbesondere von Kiwis und Aussies wegen der albernen und super uebertriebenen Protektion) oder einfach Null gerafft. Fuer mich also die Chance (natuerlich ganz ohne Vorurteile) dem Ganzen eine neue Chance zu geben. Klar habe ich auch vorher schon Spiele im deutschen TV gesehen, na gut, 2-3 vielleicht, aber dem Super Bowl kann man ja eh kaum entgehen wenn man sich irgendwo im halbwegs zivilisierten TV-Lande befindet.
Welche bessere Chance koennte es also geben als direkt hier vor Ort dem “Wahnsinn” NFL ein wenig auf die Schliche zu gehen. Noch dazu in einem so prestigetraechtigen Stadion wie dem “Candlestick Park” – dem Zuhause der San Francisco 49ers und auch ehemals der Baseballer der San Francisco Giants (bevor diese 2000 in die neue AT&T Arena direkt in die Stadt umgezogen sind). Erschwerend kommt noch hinzu, dass es eh nicht mehr all zu viele Moeglichkeiten gibt Spiele hier zu sehen, da das Stadion am Ende der Saison dem Erdboden gleich gemacht wird -> die 49ers ziehen dann in meine unmittelbare Nachbarschaft in das gerade entstehende Levi’s Stadium in Santa Clara, wo dann 2016 auch gleich der Super Bowl L stattfinden soll – unnuetzes Wissen des Tages: kein anderes NFL team hat dann sein Heimstadion weiter entfernt als die 49ers, 38.3 Meilen).
 
Ganz kurz noch etwas zur organisatorischen Einteilung des amerikanischen Footballs, da es ein wenig abweicht von dem 1. Liga, 2. Liga, 3. Liga, Regionalliga, etc. Einheitsbrei, der sonst ueberall anzutreffen ist. Nach einer recht ordentlich verzwickten Vergangenheit hat sich seit 1970 die National Football League wie folgt etabliert:
Je 16 Teams der National Football Conference (NFC) und der American Football Conference (AFC) spielen in jeweils 4 Divisionen (Nord, Ost, Sued, West) ueber einen komplizierten Schluessel ihren jeweiligen Meister aus. Aus den jeweiligen Conference-Meistern wird dann im Medialen-Superereignis des Jahres – dem Super Bowl – der Super-Mega-Dooper-Master ausgespielt. Witzigerweise gibt es bei den Conferences nicht wirklich ein System: San Francisco zum Beispiel spielt NFC, Oakland (ca. 10m neben SF gelegen) dagegen aber AFC. Auch die geografische Verteilung der Mannschaften laesst ein ordentliches (diesmal umgedrehtes) Ost-West-Gefaelle erkennen (aber wer sollte sich im Mittleren Westen schon die gehaltsdurstigen Spieler leisten koennen).
 
Genug der langweiligen Theorie…
 
 
Ost-West-Verteilung der NFC und AFC Mannschaften (danke Wikipedia – reicht das als Zitateangabe?).
 
 
Normalerweise wuerde man als Normalsterblicher kaum auf die Idee kommen sich ein Majorspiel live im Stadion anzusehen. Als ich rueber kam war dies ein recht grosser “Traum”. Nach kurzer Ticketrecherge war dieser dann aber auch ganz schnell wieder ausgetraeumt. Die Spinnen die Amis, fast noch mehr als die Roemer. Wir sassen in Block 51, laut obigem Bild schon ganz gut zu erkennen, dass der Spielfeldrand uns nicht gerade zu Fuessen lag. $59,95 fuer diesen grandiosen Hardschalensitzplatz als Normalpreis. Hinzu kommen Parkgebuehren (wir sprechen hier nicht nur ueber 4 Dollar sondern 40!!!),  Verpflegung (2 Bier + 1 kleine Portion Pommes fuer gerade mal $30) und noch ein wenig Schnappeleien, wobei die $7 fuer Popkorn und Ekelzuckerwatte den Kohl dann auch nicht mehr fett machen. $100 sind somit schneller als die Polizei erlaubt in den mehr als unangenehm kalten Wind des Bayview-Hunters Point geschossen. Und da ist man noch alleine. Die typisch amerikanische Familie nutzt Football allerdings als Familienausflug wo dann auch noch Frau, Kind1, Kind2 und Kind 3 mit an Board sind. In Vollmontur natuerlich. Vollausgestattet mit Original-Fanartikeln – von oben bis unten. Das Budget fuer eine Woche Mallorcaurlaub kann man an diesen Nachmittag also mehr als einfach investieren. Aber sie machen es ja gerne. Neben Basketball, Baseball und Eishockey gehoert American Football ja zu DEN 4 grossen Sportarten des Landes. Und hier Geld zu lassen ist einfach nur Prestige und Ansehen. Da wird nicht gekleckert, sondern fett geklotzt.
 
Die sogenannten “Tailgate-Parties”, oder auch Tailgating genannt, sind super Zeugnisse dieser Zelebrierung. Bereits Stunden vor Anpfiff des Spiels kommen alle mit ihren dicken Pickups angeduest und lassen es sich mit Barbecue und Bier so richtig gut gehen, welches von den Ablageflaechen (Tailgates) ihrer Protzerkisten serviert wird. Diesen gechillten Start ins Spiel finde ich als Thueringer sogar recht angenehm, mhhh Grillen, wobei hier ganz urploetzlich und erstaunlich die Polizei keinen uebertriebenen Ordnungsvorschriften nachgehen muss, oder will. Oeffentlicher Alkohol wird ganz ploetzlich akzeptiert. Was sonst undenkbar ist (braune Tueten lassen gruessen) geht nun doch. Liegt wahrscheinlich aber nur daran, weil sie sich, oder ihren frei-habenden Kollegen, sonst ins eigene Bein schneiden wuerden.
 
Zum Glueck gibt es StubHub, wo Schnaeppchenjaeger wie wir mit viel Glueck die Tickets auch fuer nen Zwanziger bekommen koennen ;)
 
 
Um ein Bild unseres eigentlich $60 Dollar Platzes zu bekommen, wie gesagt, Sektion 51. Mit jeder Reihe naeher zum Spielfeld steigt der Preis natuerlich exorbitant und exponentiell an. Kam ploetzlich ein Ami und setzte sich neben mich, er braeuchte nur mal ein wenig frische Luft (im offenen Stadion) und einen Sichtwechsel. Er sitzt ansonsten gegenueber irgendwo im 20er Bereich. Hier zahlt er $129 pro Spiel. Er besitzt eine Saisonkarte fuer 10 Spiele. Seit 30 Jahren uebrigens. Jedes Jahr auf demselben Platz (!!!). Damals gab es den Platz noch fuer $12.50 – Zeiten aendern sich ;)
 
 
Die Anreise uebrigens war super aetzend. HW 101 kann man tagsueber einfach vergessen. Gefuehlt war auch JEDES Auto auf dem Weg zum Spiel (war recht leicht an den roten Maennchen im Inneren erkennbar). Das Problem und auch die Parkplatzsuche (aaaeeetzend) wird es dann im neuen Stadion hoffentlich nicht mehr geben (bei Anreise mit dem Fahrrad). Als wir dann am gefuehlt am weitesten entferntesten Parkplatz ueberhaupt unser Plaetzchen fanden mussten wir uns nur noch den Weg durch unzaehlige Hotdog und T-Shirt Verkaeufer bahnen. Und durch die San Francisco Gruengraswolken (mein indischer Kollege: “Ach so, so riecht also Marihuana?!” – ich dacht ich muss kurz sterben gehen bei seinem Gesichtsausdruck ;)
 
Am Eingang dann der naechste Schock – ich war ja in Deutschland auch schon laenger nicht mehr im Stadion, aber wird dort auch jeder – JEDER – wie am Flughafen abgepiepst durchleuchtet? Unglaublich. Was das an Aufwand bedeutet. Noch dazu sind KEINE Taschen oder Backpacks erlaubt. Nur “NFL approved bags” kann man mit ins Stadion nehmen, was sich dann ganz schnell als einfache Plastikbeutel alla Einfriertueten entpuppt hat.
 
Nach dem Abtastchaos ging es dann direkt auf die oberen Raenge. Ich schoen auf der Suche nach den Treppen habe fast die amerikanische Art der Fortbewegung uebersehen: Fortbewegung ohne Eigenbewegung. Natuerlich, logisch.
 
 
Rolltreppen befoerdern auch den fettesten Ami nach oben.

 

Es gab sie uebrigens doch, die Selbstlauftreppen. Koennt euch aber sicherlich vorstellen wie ueberlaufen diese waren wenn man sich die Schlangen am Fusse der Rolltreppen anguckt ;)

 

Gerade rechtzeitig zum Einlaufen der Mannschaften gekommen. Auch gar nicht uebertrieben, das in beiden Mannschaften gefuehlte 12633738 Spieler, Aerzte, Psycho- und Physiologen, Computerspezialisten fuer die ganzen Strategieberechnungen, Wasserholer, Helmtraeger, Handtuchreicher und sonstiges Anhangsgedoehns dabei waren – kostet ja nichts.

 

Noch ganz kurz und super-proud die Hymne durchs Stadion geschmettert – ich versuche ja schon mich ein wenig den “Einheimischen” anzupassen, aber die rechte Hand aufs Herz zu legen war mir dann doch ein bisschen zu peinlich ;)

 

Ich habe uebrigens wie Espenlaub gezittert. Ist ja auch nicht so, dass die Damen sich durch voellig abgefahrene und aufgeregte Mega-Stunts warmhalten konnten, diese gab es naemlich nicht. Mehr als ein stundenlanges Grinsen, Aerschchengewackel und Winke Winke gab es nicht.
 
 
Es geht los. Die Meute lacht und quatscht und klatscht und spielt Angry Birds und Fruit Ninja – halt, was??? Naja, ist ein anderes Thema. Smartphones und deren 100% Nutzung ist in den USA bereits wesentlich abartiger fortgeschritten als in der Heimat (leider faerbt auch dies ab ;(
 
Der Freund der Tochter der Arbeitskollegin versucht mir ab und an ein paar Regeln zu erklaeren. So schwierig ist das ganze eigentlich auch gar nicht. Problem, es ist mir einfach zu statistisch. Festgeschriebene Laufwege, Nummern, Zahlen, Prozente bestimmen das Spiel. Thema Einzelleistung und Zufall kommen immer kuerzer. Fernsehuebertragungen hierzu kann man sich schon gar nicht mehr anschauen. Mit Sport hat das jedenfalls nichts zu tun. Hightech verspielte Sequenzen aus allen 22 Kameras, 3D- und Slowmotion Matrixeffekte bestimmen das Geschehen im TV. Dazu dann 35 sogenannte Experten, die einem ganz genau erklaeren wo der Hase lang laeuft. Ein medial aufgeblasenes Strategiespiel vom Feinsten.
 
Unglaublich viele Pausen, Besprechungen und Nahrungsaufnahmen gibt es waehrend des Spiels. Voellig unerklaerlich und auch langweilig. Und verzoegernd. Aus den eigentlichen 4×15 Minuten Spielzeit wird somit ganz schnell ein 3 Stunden Match. Heute (habe Football mal mit der Alternativen zum Stadionbesuch angeschaut: TV) habe ich auch verstanden warum. Die 35 Experten muessen ja auch irgendwie bezahlt werden. Die Pausen auf dem Spielfeld (auch Verletzungspausen, obwohl das schon arg verwunderlich ist – das Michelinmaennchen kann sich sicherlich auch nicht mehr verletzen. Auch werden verletzte Spieler nicht heroisch auf einer Trage vom Spielfeld getragen sondern gefahren!!) die Pausen also werden fuer Werbepausen im TV verwendet. Richtig gelesen, wenn es im Stadion nicht mehr weiter geht, der Spielfluss unterbrochen wird und die hochbezahlten Stars mit Rumstehen ihr Geld verdienen bekommt der heimische Fernsehzuschauer die neuesten Clips von Pepsi, Chevy und Pampers praesentiert. 
 
U N G L A U B L I C H.
 
Man kann Football wirklich nicht im Fernsehen anschauen. Oder – man muss sich eine schoene Beschaeftigung nebenbei suchen (heute war es Gemueseauflauf ;) Kein Wunder also, dass sich auch im Stadion mit Mafia Wars und Co. die Zwischenzeit vertrieben wird…
 
Stimmunsgtechnisch ist es auch merkwuerdig und nicht mit Fussballstadien vergleichbar. Da bis auf die “NFL approvten bags” keinerlei Zubehoer erlaubt ist mitzunehmen, ist das Stadion auch frei von allerlei “Krachmachern” alla Trommeln, Pauken und Trompeten. Die passenden Geraeusche liefert ganz 21. Jahrhundert-like der Lautsprecher. Wie authentisch!!! Wenn der Stadions-DJ mal wieder merkt, dass es spuerbar leise wird kommt zum 27373 mal der Steigerungscountdown mit digitaler Anzeige, damit auch ja jeder Depp merkt, dass, wenn er lauter Schreit, der Balken steigt und das eigene Team bestenfalls nach vorne gepusht wird.
 
Meine Arbeitskollegin hat mir dann uebrigens eine hellweisse Bratwurst vom Elektrogrill in Sauerkraut und Weissbrotmasse mitgebracht. “Ist doch typisch deutsch *grins*?!” – “Ja…mhhh….total lecker”.
 
 
Quizfrage (ganz ohne rassistische Hintergruende): helle Mami + heller Papi = 3 dunkle Afromoebse?

 

Das Stadion zaehlt zu den ungemuetlichsten des Landes: Nebel, Wolken, Regen und WIND gibt es eigentlich immer kostenlos dazu. Wenigstens was bei den Preisen ;)

 

Das wars – bzw. eigentlich doch nicht. Mehr als eine Stunde hat es noch gedauert allein vom Parkplatzgelaende herunter zu kommen. Wer plant denn bitte sowas????????
 
 
Wenn man sich dann endlich zurueck auf den Highway gekaempft hat und denkt, dass es jetzt endlich zuegig voran geht, der naechste Schreck: Polizeimotorrad klopft aufs Dach und schreit “PULL OVER” (kann man ja auch nicht nett sagen). Ich also angehalten, warte herzklopfend auf den netten Mann, doch der faehrt einfach weiter. Haeehhh?!? Noch ein Polizeimotorrad. Faehrt auch weiter. Und noch eins. Und noch ein Auto. Und noch eins. Und ein dicker fetter Bus. Noch einer. Und noch einer. Noch einer. Noch einer. Und noch 3e. Und natuerlich das selbe Polizeiaufgebot noch einmal nach der Buskolonne. Das waren sie also, die Spieler. Damit sie auch ja keine Sekunde ihrer wertvollen hochbezahlten Zeit vergeuden wird der halbe Highway gesperrt und lahm gelegt, nur damit die Herren Von-und-Zu ihre 1. Klasse Sitze nicht warten lassen muessen.
 
Mitten drinnen dann auch ihr Star – der Quaterback. Nicht genug, dass er in seiner Jugend ungefaehr das ganze Cheerleadingteam kennenlernen durfte (;) wird er jetzt erst richtig vergoettert. Das ist auch eine Sache, die mich gewaltig an dem Sport stoert. Wer kennt sie nicht, die ganzen Linemen, Receiver, Tackler und Kicker. Aber alle Quarterbacks des letzten Jahrhunderts kann jedes 3-jaehrige Kind rueckwaerts aufsagen. Solch eine Konzentration auf Einzelpersonen im Mannschaftssport  kann doch nicht gesund sein?!?!
 
Genug gemeckert, witzig wars trotzdem. Und kalt. Jetzt fehlt noch der Besuch der Giants (Baseball), Golden State Warriors (Basketball) und Sharks (Eishockey), dann haette ich ein komplettes Bild der grossen 4 des amerikanischen Sports.
 
Bis dahin,
“lets goouu Nainer”
 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
Stefan

Latest posts by Stefan (see all)

Related Post



Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *