Mexiko, Land der Gegensätze

Vor lauter blauer Bubbel (welche durch den unglaublichen Google-Hack nur noch grösser wurden) ist unsere Reiseroute durch Mexiko kaum noch wahrnehmbar – nutzt den Schieber und spielt euch schlau ;)

 

Das war es also. Mexiko liegt hinter uns. Nach 180 Tagen (ok, 181, deswegen ja auch der nicht zurück erstattete Auto-Deposit…rrrrrrrhhh) und knapp 9.100 gefahrenen Kilometern wird es Zeit für ein kleines (nicht all zu ernst zu nehmendes) Fazit bevor es direkt weiter geht nach Belize.

 

ländervergleichÜbersicht bei den Jungs vom Ländervergleich geliehen. Interessant: Mexiko ist flächenmässig knapp 5.5 mal grösser als Deutschland, hat dabei aber nur 50% mehr Einwohner. Wichtig auch, im Gegensatz zu Deutschland spricht man in Mexiko kein Deutsch. Hätte man uns ruhig mal vorher sagen können, wären wir doch sprachentechnisch viel vorbereiteter angereist ;)

 

 

Camping


Mexiko ist einfach wunderbar zum Reisen, gerade als Rucksacktourist, oder wie wir, mit dem eigenen Auto und eingebautem Schlafzimmer. Das größte Land Mittelamerikas bietet endlose Weiten, Felder, Prärien, Kaktus- oder Mondlandschaften, Bergwelten und Strände. 23,761 Kilometer Küste (#14 der Welt) schreien förmlich danach beschlafen zu werden.

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Das Problem jedoch, Mücken und kleine miesefiese Sandflies warten nur darauf, dass sich die Augenlider schliessen um ihre Attacken zu starten. Hitze (27° Durchschnittstemperatur @ Riviera Maya) und daraus resultierender Schweiss machen das Juckerlebnis noch emotionaler. Die Hitze führt auch dazu sich seiner ohnehin schon spärlichen Klamotten vollends zu erledigen und somit gleichzeitig aber wieder den Mücken hemmungslos hinzugeben. Ein Teufelskreis, der erst mit dem abkühlendem Mitternachtsmond nachlässt wenn es kühl genug wird wieder eine Decke nutzen zu können. Die 23,761 Kilometer Küste erweisen sich auch schnell als netter Marketinggag, da sich 90% (statistische Erhebung durch meine alleinige objektive Wahrnehmung untermauert) entweder als hoteleigen erweisen oder abgeperrtes Privatland sind.

 

copper canyon 44

 

 

Nationalparks

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In Mexiko existiert ein extensives Nationalparksystem. Mit 67 Parks über ganz Mexiko verteilt (<1% der Gesamtfläche Mexikos) wird der Schutz dieser unglaublich schönen und mancherorts sicher auch gefährdeten Natur gewährleistet. Und ganz nebenbei wird uns als Touristen der Zugang zu diesen wunderbaren Orten vereinfacht oder gar erst ermöglicht.

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Die Umsetzung des Systems der Nationalparks ist meist jedoch nicht mehr als ein fader Witz. Fehlender Staff um den eigentlichen Gedanken – dem Schutz der Natur – zu gewährleisten, fehlt. Ausschilderungen sind meist gar nicht vorhanden. So kann es eben auch schon mal passieren, dass man hochmotiviert einfach vorbeidüst. Müll überall, auch in den Parks. Meist fehlende Mülltonnen und ein immer fehlender Schutzgedanke/Eigenantrieb lassen so manche Ecken abartiger als so manche Mülldeponie in Deutschland erscheinen. Hier wurde nicht zu Ende gedacht. Ganz nach dem Motto “ausgerufen sind die Parks ja schnell, um den Schutz können wir uns auch später noch kümmern!” Hier darf sich gerne ein Beispiel am Parksystem der USA genommen werden. Bitte bitte nur nicht so touristisch und überlaufen werden! Immerhin versuchten wir mit unseren eigenständigen Aufräumaktionen einen kleinen Beitrag zu leisten. 

 

copper canyon 44

 

 

Speisen

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“Das beste Essen der Welt”, so beschreiben viele die unglaubliche Vielfalt hier in Mexiko. Alles was das (Fleischfresser)Herz begehrt. Und das an JEDER Strassenecke. Und sogar noch zwischendurch. In Mexiko gibt es nämlich auch nur zwei Berufe: Automechaniker und Koch. Bei 120 Millionen Einwohnern kreiert das sagenhafte 60 Millionen Köche. Vielfalt garantiert, sag ich ja.

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“Das beste Essen der Welt”, wie gesagt, wenn man auf Fleisch steht. Vegetarier, kennt man kaum. Manchmal ein kurzes wiedererkennendes Leuchten in den Augen und es wird Huhn serviert. Denn, Vegetarier verzichten ja nur auf Fleisch, also richtiges Fleisch, Hühnchen ist nicht rot und somit kein richtiges Fleisch. Für Vegetarier eben. Für Veganer ist es völlig unmöglich. Das Prinzip versteht erst recht keiner. Fleisch Fleisch Fleisch also. Massen an Fleisch. JEDEN Tag serviert von den 60 Millionen Köchen. Innereien natürlich auch. Am liebsten frisch vom Schwein direkt auf der Strasse ausgenommen (das bissen rot wäscht sich schon beim nächsten Regen im nächsten Jahr weg!). Die zu verkaufenden Hühner sind gelb (Chlorhuhn lässt grüssen), die Hühnerfüsse sogar als kostenloser Bonus inklusive, die Eier frisch aus der nächsten Legebatterie. Die variable Vielfalt ist am Ende nichts mehr als plakativ: Tacos, Gorditas, Enchiladas und Tortes, mehr gibt es nicht (wer hat eigentlich den Burrito erfunden, denn hier habe ich noch keinen gesehen…zumindest an Strassenständen?!). 

 

foodieEs könnte so vielfältig sein…aber für den low-budget Traveler wird es am Ende doch wieder Reis mit Frijoles geben.

 

Märkte

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Überall anzufinden. Jedes noch so kleine Kackdorf bietet auf ihnen die lokalen und frischesten Köstlichkeiten zum (fast) Nulltarif. Wer suchet der findet. Von der Feldkartoffel zum Schweinskopf, von den gegrillten Hühnchenfüssen zur fritierten Schweinshaut (aka mexikanische Chips). Mit dem ganzen billigen Plastikkram fangen wir gar nicht erst an.

minus 24
Bei näherer Betrachtung ist das Überangebot an Vielfalt nur Schein und Sein. Jeder zweite Stand bietet dasselbe an. Neben dem Schweinskopfmann findet man 20 weitere Schweinskopfmänner. Neben der Feldkartoffelfrau buhlen 20 weitere Feldkartoffelfrauen um deine Pesos. Schnell wird aus einem riesig unübersichtlichem Markt eine kleine Ansammlung von 5 Ständen wenn man wirklich die Vielfalt betrachtet. Auch an den Touristenattraktionen ein ähnliches Bild. Meist konzentriert sich jeder auf dieselben Artikel. Bietet der erste Stand Tacos an, kann man sicher sein, dass man erst gar keine Enchiladas suchen braucht. Jeder hat Tacos. Bietet der erste Stand Gorditas, ziehen alle mit und bieten ebenfalls nichts anderes an. Gorditas für alle! Sind die lokalen Erzeugnisse Töpfe, so findet man kilometerweit nur noch Töpfe. Sind es Hängematten, findet man Hängematten. Ausschließlich. Mit manch artistischen Erzeugnissen mag das fast noch erklärbar sein. Es gibt halt nunmal Ton für Töpfe in der Gegend. Oder speziellen Stoff für Hängematten. Aber wieso muss jeder ausschliesslich Hüte anbieten. Oder Masken. Oder kleine Holzfrösche, die “froschähnliche” nerv Geräusche machen?

 

market

 
 

Autoreparaturen

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Da die zweiten 60 Millionen Einwohner alle Automechaniker sind sollte man sich auch um sein Gefährt keine Sorgen machen. Mit ca. 4 Angestellten pro Werkstatt macht das satte 15 Millionen Werkstätten übers Land verteilt. Egal wo man sich gerade aufhält, schnelle Hilfe ist immer um die nächste Ecke (hinter dem nächsten Tacostand. Manchmal ist der Tacomann am Morgen Koch, am Abend dann Mechaniker. Oder auch umgedreht. Verrückt).

minus 24
Wer gerne mal ein Auge in die Werkstätten wirft wird sich sicherlich die Frage stellen, mit welchen Tools oder Ersatzteilen denn eigentlich geholfen werden soll. Unzählige komplett durchgerostete Autoskelette stehen im Garten und warten scheinbar noch immer aufs Eintreffen der bestellten Waren. Ich möchte nicht wissen wie viele Touristen bereits mexikanische Einbürgerung beantragen mussten, da das Touristenvisum seit Monaten abgelaufen ist.

 

montero ausbau 21(Foto noch aus Kalifornien Zeiten!)

 

Einsamkeit

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Über die komplette Woche in “La Huasteca Potosi” waren wir bis auf ein paar wenige Ausnahmen für uns allein. Konnten die unglaubliche Natur geniessen, ganz für uns allein. Das Land ist einfach zu gross für seine Touristen. In vielen Cenoten waren wir ebenfalls einsam unterwegs. So einsam, dass nicht einmal der Kassierer vorbei kam. Wenn es überhaupt einen gab, denn viele der Badelöcher sind noch nicht ausgebaut und für Touristen rausgeputzt, somit auch kostenlos. Wenn Eintritt, dann unverschämt wenig (man sollte erst gar nicht zurück umrechnen, wird einem nur schlecht beim Handeln, vor lauter schlechtem Gewissen nämlich).

minus 24
Die Touristenmassen klopfen an jede halbwegs grosse Touristenattraktion, die sich innerhalb von 2 Autostunden vom Hotel befindet oder leicht zugänglich nicht im off-road Rebellengebiet liegen. Wenn es im Lonely Planet steht kann man seine Eier darauf verwetten, dass man auch Touristen antreffen wird. Das hohe Angebot an gutzahlender Kundschaft lässt folglich auch die Preise steigen. Nicht gleich astronomisch hoch, aber schon frech verglichen zu denselben Attraktionen nur ohne Touristenzugang. Man bezahlt dann auch gleich für alles. Eintritt, check. Parken, check. Spezielle Steuern, check. Extraservice, check. Aus 40 Pesos Basiseintritt werden so schnell 120. Und da sind die Toiletten noch nicht mit dabei. Auch nicht die Hängematten im Schatten, auf die man bei abartiger Hitze schon die ganze Zeit gelunzt hatte.

 

la huasteca 31

 

 

Alkohol

plus 24
Gibt es an JEDER Ecke (ich weiss gar nicht wer das alles brauen soll, machen aber bestimmt die Automechaniker nebenbei noch mit). Jeder OXXO vertreibt Alkohol. Und hiervon gibt es (dieses mal ohne zu übertreiben) mehr als 9.000 Filialen in ganz Mexiko. Ist kein OXXO in der Nähe dann bestimmt mindestens 10 Miniläden mit Tecate Zeichen im Fenster. Man kommt immer an das flüssige Gift. In ausgewählten Regionen sogar noch einfacher. Das mexikanische Zentralhochland bietet scheinbar grenzenlosen Zugang zu Tequila und Mescal. Rund um Puebla ist es Pulque was vor jedem zweiten Haus von der Abuela persönlich angeboten wird (natürlich mit offizieller Ausschanklizenz ;)

minus 24
Jedoch ist das Verzehren von alkoholischen Getränken in der Öffentlichkeit nicht gestattet. Sieht man auch nicht. Nicht einmal Brownbags wie in den USA sind anzutreffen. Keiner trinkt offiziell und doch kommen einem speziell ab 18 Uhr stark torkelnde Landeier entgegen. Leider sorgt der Alkohol für ein weiteres Problem. Obwohl er gefühlt nirgends in der Öffentlichkeit getrunken werden darf, so sind jedoch seine Container überall zu finden. Leer natürlich. Die roten und blauen Tecate Büchsen sind Mexikos Müllproblem Nummer 1.

 

oxxo

 

 

Musik

plus 24
Was hat man nicht alles schon über Mexikos Musikszene und seine Stars und Sternchen gehört. Es vergeht kein Tag, an welchem die Latinohymnen bei uns im Radio hoch und runter laufen und die Mariachis frisch verliebte Pärchen in den Traumschlaf singen. Ok, ich muss ja zugeben, dass ich keinen blassen Schimmer über mexikanisches Musikgeschen habe. Bis auf die Sombrero Mariachis hatte ich vorher noch nicht einmal ahnen können, dass in Mexiko überhaupt Musik gespielt wird. Vicente Fernandez (mehr als 50 Millionen verkaufte Platten), Luis Miguel (sogar mehr als 100 Millionen verkaufte Platten) und Antonio Aguilar (Achtung, jetzt kommt´s: 150 Alben (!!!), 100 Filme und Madison Square Garden 6 Nächte in Folge ausverkauft) sind wohl DIE grössten Stars ever. Ich jedoch noch nie im Leben von ihnen gehört. Nicht einmal den Hauch einer Ahnung. Sang und klanglos versagt. Aber hey, wer von euch hat hier mehr Latinowissen zu bieten?

Mit Carlos Santana (Blues-Rock) und Molotov (Nu Metal Rock) fallen mir dann doch noch ein Megastar und eine halbwegs bekannte Band ein. Puh, noch einmal Glück gehabt vor der ganzen Schmähung. Aaaaber, dafür gibt es ja das Traveln. Keine-Ahnung ist oftmals sogar eine recht gute Vorraussetzung um unvoreingenommen in neue Kulturen vorzustossen. Dieses mal also in die Welt der Latino Musik. Noch dazu soll es in Mexiko auch eine ganz gute Elektro-Szene geben. Die Spannung war also riesengross…

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Die Ernüchterung anschliessend aber dafür um so grösser. Von Elektro haben wir einfach mal gar nichts mitbekommen. Liegt aber auch ein wenig an uns und unserem (selbstgewähltem) Reisestil. Von den drei oben genannten Herren leben zweie auch schon (einer fast) nicht mehr. Carlos Santana haben wir ebenfalls nicht angetroffen. Mariachis auch nur gegen Aufpreis und zwar immer ausgerechnet dann, wenn man gerade seine Ruhe haben will. Apropos Ruhe. Immer auf der Suche nach ihr. Immer findet man sie auch. Irgendwo. IMMER kommt aber auch plötzlich aus dem Nichts ein doch all zu vertrautes Geräusch entgegen gebrummt – die Tuba. Die Tuba ist überall und allgegenwärtig. In jedem Song klaut sie ihren Instrumentenbuddies die Show und stellt sich stets in den Mittelpunkt. Durch ihr Klangmuster dringt sie in jeden noch so verwinkelten Winkel, durch jeden noch so kleinen Spalt, durch unseren eigentlichen Panzerdichten Morrie, direkt hinein ins gute Trommelfell. Dort fühlt sie sich wohl. Dort nistet sie sich ein und lässt einen nicht mehr gehen. Wie ein frecher Parasit sitzt sie also in der Ohrmuschel und schallt ihr Gebrumme gleichmässig und gleichgültig in den Gehörgang. Ein Geräusch, dem man ab sofort nicht mehr entkommen kann. Die Tuba ist überall. Gerade wenn man den perfekten Spot der Ruhe gefunden, die Schweissschuhe ausgezogen, die Hängematte aufgebaut und gerade die Füsse ausgetreckt hat – tub tub tub. Die Frage jedoch war immer: Wo ist sie überhaupt? NIE haben wir eine zu Gesicht bekommen. Keine einzige (nicht eine quasi). Am Ende bin ich mir nicht einmal sicher, ob in mexikanischer Countrymusik überhaupt eine Tuba vorkommt? Aber wir haben sie immer gehört. Sie war immer da. Immer mit uns. Immer nah. Abgelöst erst in Kuba – durch den Raeggetón. Aber das, liebe Musikfreunde, ist eine andere Geschichte ;)

 

tuba everywhere

 

 

Dass es sich bei diesem Text nur um ein paar spinnende Gedankensverquerungen handelt sollte wohl jedem klar sein. Alles Blödsinn. Oder? Naja, Blödsinn nicht, ein bischen übertrieben vielleicht (aber wirklich wirklich nur ein bischen). Ich liebe dieses Land. Ich liebe die Vielfalt des Essens. Ich liebe die Natur, Strände und Nationalparks. Ich liebe die Menschen, die Märkte und manchmal eben auch das gelbe Huhn ;)

 


 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
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