Mont Blanc – Aufstieg

Was für ein Spiel der Gefühle!!! 

Mittwoch Abend kommen wir teils gut gelaunt (“Yeah, auf knapp 4250 Hoehe gewesen…saugeil”), teils demotiviert (“Heul, nur 20 Meter vor dem Ziel zum Umkehren gezwungen”) zum Basislager am Campingplatz zurück, kochen schoen unsere taeglichen Nudeln mit Gulasch-Aufpeppung, warten ganz aufgeregt auf Horsts Wetterbericht fuer den naechsten Tag und werden…ENTTAEUSCHT. “Wetter sieht Scheisse aus, Schneefallgrenze sinkt auf knapp 3000m, darunter Nebel und Regen. So hat das keinen Sinn…”. Die Motivation ist am Boden. Eben noch als Ausrede geltend “Naja, das mit Tacul ist doch nicht so schlimm…ist eh nur Kindergeburtstag verglichen zum Mnt Blanc auf dens ja auch gleich hoch geht” war diese mit Horst seinem Wetterbericht urploetzlich erloschen und wir mussten mit beiden Niederlagen leben. Einige der Gruppe konnten es ganz gut verdauen (“Naja, is ja auch nurn Berg, nisch?”) andere waren den Traenen nahe (ungelogen), den Mund Merkel-like nach unten verzogen, keine Lust auf Small Talk oder hochtragende Gespraeche. Ihr duerft gerne raten zu welcher Gruppe Seilschaft 3 gehoerte. Was fuer ein Mist…geh ich halt ins Bett. Um 9! So!!! 

“Schlaf heilt alle Wunden!” sagt man ja immer so schoen. Pah, denkste! Aber irgendwie muessen wir den Donnerstag ja auch rumkriegen. Auch gab es bereits erste Gedanken der vorzeitigen Abreise – was soll man schliesslich 4 Tage bei Regen im Zelt seinen Urlaub vergeuden. Aber auch moegliche Alternativen wie die Zugspitze waren nicht gerade vom Wettergott gesegnet. Also hiess es erst einmal ab zum naechsten Kletterfelsen um den Frust direkt am Felsen rauszulassen. Wenigstens was. Die Kletterwand direkt in Chamonix war auch echt perfekt hierfuer. Lange Routen bis 3 Seillaengen konnten uns das Mehrseillaengen-Klettern naeherbringen, wozu wir bisher auch nur ungenuegend Moeglichkeiten hatten. Das ist auch echt spannend dieses ganze “Einer-klettert-vor-baut-seinen-Stand-der-andere-klettert-nach-der-Dritte-ebenso-dann-Ueberholen-am-Berg-und-der-Dritte-ist-nun-der-Vorkletterer”-Ding. Hat sogar kurzzeitig vom miesen Wetter in der Hoehe und dem Gedanken des Nichtbesteigens abgelenkt. 

Dann der naechste Hammer. Gegen 17:30 kommt Horst stoisch ruhig auf uns zu und verbreitet kurz und schmerzlos die Aussage: “Fahrt zurueck zum Campingplatz…wir muessen packen – morgen gehts doch los”…Haaaeehhhh….Waaaaaas….Wiiiieieieeee….Aaaaaaalter…Die Stimmung kippte von 0 auf 4569874563 Gluecksgefuehle und nach etlichen High-Fives und urgewaltigen Schreiausrufen ging es direkt zurueck ins Dorf, um kurz ein bisschen voellig ueberteuerte Outdoor-Nahrung zu besorgen und zurueck zum Campingplatz…Packen.

 
Das Ergebnis einiger Stunden durchdachten Packens.
Mont_Blanc_094Wenn hier nicht eine gewisse Vorfreude zu erkennen ist…
P1020359Vollgepackt mit tollen Sachen, die das Leben schoener machen…hinein ins Aufstiegs-Feeling…
IMG_1670Noch immer war das Wetter nicht perfekt fuer einen Aufstieg in solche Hoehen. Zum Wandern taugte der Nebel und die kuehlen Temperaturen dafuer umso mehr. Und Wandern war auch erst einmal ganz gross angesagt…
Mont_Blanc_103DER Plan: Auffahrt mit der Seilbahn auf knapp 1.700 HM. Dann gemuetlich mit der Zahnradbahn bis auf 2.300 HM, den Rest dann zu Fuss mit eigenem Schweiss. 

 

Wozu aber Plaene gut sind, weiss auch nur der Planer. Denn: Erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt! Punkt. Bedarf eigentlich keiner Erklaerung denn es kam (wie sollte es auch anders sein) natuerlich nicht zur Arbeitserleichterung durch die diversen Bahnen. Die erste Seilbahn spielte noch mit, sie fuhr brav auf 1.700 HM. Von dort waren es noch knapp 100m Laufweg zur Haltestelle der Zahnradbahn. Dort angekommen noch fix unsere Tickets vorgezeigt, knapp 20 Minuten gewartet ehe uns eine perfekt franzoesisch sprechende Bahntante mitteilte, dass die Bahn heute nicht faehrt. Bzw. nicht zu unserer Zeit sondern erst 2h spaeter. Na toll, da koennen wir auch loslaufen. Gesagt getan…bis auf 2.300 Meter Hoehe mussten wir uns nun selber durch den Nebel immer entlang der Fahrgleise schleppen. Wahrscheinlich auch gut so, dass es nebelig war…denn das dauerte ungefaehr eeeeeewig. Leider mussten hier schon ein paar Gruppenmitglieder feststellen, dass sie entweder mortsmaessig zu viel Gepaeck auf den Schultern hatten oder ihr zugeschwollenes Auge einen sicheren Aufstieg nicht zulassen wuerde. Die Gruppe schmolz letztendlich auf 9 Hanseln zusammen…

 

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Mont_Blanc_106Fuer die naechsten Stunden unsere Aussicht…
Mont_Blanc_109…nicht aber fuer Soern – er sah stundenlang Deutas Arsch direkt vor sich.
IMG_1690Ablenkung vom stupiden Schlangelaufen.
IMG_1697Wieder die Lemminge.
2012-07-06_12-00-36_491Kurze Verschnaufpause mit “Speed” und Twix-Ersatz.
  

Und immer schoen dumm den zahllosen Serpentinen dem felsigen Pfad folgend. Auch hier wieder: Gut, dass es neblig ist und man nicht das Ende der Reise vorzeitig sieht. Gleichzeitig aber auch sehr sehr Schade, weil man eigentlich genau wusste dass man selbst von unglaublichen Berggiganten umgeben sein musste, diese aber nicht einmal ansatzweise erahnen konnte. Nur ein steinerner Pfad, der sich stundenlang dem Berg hinauf schlaengelt.

 
P1020369Eine erste Art von Abwechslung – ein Kreuz.
  

Nach dem Kreuz das erste Highlight – Schnee. Nicht genuegend um die Steigeisen auszupacken aber doch Abwechslung. Und rutschig. Am Ende des Schneefeldes noch einmal kurz bergauf und schon kam die Schwierigkeit (und auch Gefahrenstufe Nummer 1) des Tages: das Grande Couloir. Ein steiniges, heute auch verschneites und teilweise vereistes freies Feld von ca. 100 Metern Laenge, wo es immer wieder zu Steinschlaegen und schweren Unfaellen kommt. Also: Helme auf, 3er-Gruppen bilden, nach verraeterischen Geraeuschen lauschen…auf die Plaetze fertig los…und die naechsten 100 Meter nicht mehr anhalten und so schnell wie es geht wieder hinter den schuetzenden Felsen auf der gegenueberliegenden Seite Platz nehmen. Das ganze dann auch fuer die anderen Grueppchen und schon waren wir drueben. Fast schon enttaeuschend unspektakulaer. Dafuer sicher ;)

Von hier an hiess es – Steigeisen dran und die naechsten 2 1/2 Stunden die restlichen 700 (!!!) Hoehenmeter zur Gouterhuette mit vollem Gepaeck im 2. und leichtem 3. Schwierigkeitsgrad klettern. Dabei moeglichst immer kleine Schritte machen. Jeder Große geht direkt auf die Atmung, da man statt seinen ueblichen Gewicht nun Eigengewicht + Gepaeck direkt entgegen der Erdanziehung zu hiefen hat.

Die Eintoenigkeit von vorhin den Schlaengelinien hinauf zu laufen folgt nun die naechste “Eintoenigkeit”, in welcher man mit eben diesem Entengewatschel Meter um Meter nach oben wandert. Erst noch laufend, dann aber bald schon richtig kletternd.

 

P1020377Fuers Foto ein Grinsen herausgedrueckt…”ist doch nich so schlimm!”
P10203782 Sekunden spaeter dann das wahre Gesicht ;)
P1020382Der Fuehrer MUSS ja so gechillt aussehen. Als ob er garnichts gemerkt hat…NEIIIN ;)
Mont_Blanc_104“Ich hab Spaß…ich hab Spaß”…mhh, ok…man koennte auch echt langsam mal oben ankommen…
Mont_Blanc_114Krackseln mit Gepaeck.
Mont_Blanc_115Der Nebel verdichtet sich – es faengt an zu schneien. Weil jas Wetter bis jetzt sooo gut war…is klar!
Mont_Blanc_116So langsam sieht man die Huette durch den Nebel erscheinen, wenn man genau hinsieht, wenn man die Augen richtig zusammen kneift – fast zum Greifen nah, aber genau wie auf der Zugspitze dann doch noch so erschreckend weit weg.
Mont_Blanc_118An den steilsten Abschnitten mit Hilfsseil. Mit eiskaltem Hilfsseil.
Mont_Blanc_121Fast geschafft!!!

 

Die letzten Meter gingen dann doch sehr schnell um. Im Schneetreiben erreichen wir die Gouterhuette, welche auf 3800 Metern liegt. Wenn man bedenkt, dass wir bei 1700 Metern angefangen haben (danke Zahnradbahn!) ist es schon abartig krass, ueber 2000 Hoehenmeter mit diesem Gepaeck weggebuckelt zu haben. Stolz zieht auf. Jetzt muss fuer Morgen ja nur noch das Wetter gut werden…

 

Mont Blanc Neuschnee…aber das waer wahrscheinlich auch zu viel verlangt. Der Schnee versteckt erst einmal unseren Aufstieg. Wo ging es hier nochmal nach oben???
Mont_Blanc_108Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung ja als Letztes
P1020384Der erste Tag – der Aufstieg bis auf 3800 Meter ist geschafft. YEEEAAAAAAAAHHHHH!
  

Der starke Wind, die eisigen Temperaturen und die Erschoepftheit lassen allerdings starke Zweifel an unserem eigentlichen Plan – im Zelt zu uebernachten (haben wir ja schliesslich die 2100 Meter mit hoch geschleppt) – aufkommen. Was machen wir?

Ich: Trotzdem Zelten.
Alle anderen: Nicht Zelten!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Ok, wahrscheinlich habt ihr recht, obwohl mir nicht wirklich kalt war. Ganz im Gegensatz zum Doktor, die trotz gefuehlter 38349 Zwiebellagen die naechsten 2 Stunden nicht aufgehoert hat mit den Zaehnen zu klappern ;))

Also – neuer Plan. Die Maedels schicken wir vor ihr Bestes zu geben, alle weiblichen Reize die nach diesem Aufstieg noch zur Verfuegung standen, einzusetzen und fuer alle einen Schlafplatz in der eigentlich immer ueberfuellten Huette zu bekommen.

Keine 5 Minuten spaeter hatten wir zu 9 unser lauschig warmes Plaetzchen sicher – keine Ahnung wie sie das angestellt haben…wahrscheinlich will mans garnicht wissen ;)

Fuer eine Wanderhuette auf ordentlich Hoehe, umgeben von nichts anderem als Schnee und Eis und Steinen war das 3-Gaenge-Menue mehr als eine Ueberraschung:

  • Vorsuppe zum Entgegenwirken der Frostbeulen (mindestens 4x nachbestellt)

  • Reis mit Sosse und Fleisch (mindestens ebensoviel nachbestellt)

  • Cremè-Dessert (so langsam setzte auch das Saettigungsgefuehl bei der Jugend ein – und ich dachte schon, ich wuerde viel essen…)

Die naechste Hiobsbotschaft war danach auch nicht mehr weit entfernt, musste ja so kommen. Das Auf und Ab geht lustig weiter, diesmal wieder in die Richtung wo wir es garnicht gerne sehen…

“Der Sturm ist zu stark – wenn der heut Nacht noch immer so stark weht koennen wirs vergessen”. Aaaaaaaaahhhhhhrrrrrrr – einmal – nur EINMAL kann doch auch was klappen, oder???

So blieb ein wenig Hoffnung auf Minderung des Windes, Horst wollte 00:15 Uhr dies ueberpruefen, wenns passt gehts direkt los, wenn nicht haben wir noch eine Stunde mehr Schlaf…

 

Mont_Blanc_123Und noch eine weitere Enttaeuschung: Schnee laesst sich auf 3800m garnicht so schnell schmelzen wie man das  denkt…oder hofft. Schon garnicht ausreichend fuer eine Gruppe von 9 Mann à 2-3 Litern. Komplett garnicht!!! Erstens dauert es gefuehlte Ewigkeiten (1 Topf ca. 10 Minuten – was in der Arscheskaelte nicht gerade angenehm ist) und zweitens ist es voellig unergiebig: ein komplett gefuellter Topf mit Schnee ergibt am Ende ca. 200 ml Wasser. WOW – das reicht genau fuer einen durstigen Schluck…

 

So ging es puenktlich 20 Uhr (nicht aber bevor das hoechste Geschaeft bei Kaelte ueber einem Becken mit 2 Haltegriffen und maechtig eisigem Zug unterm Gemaecht erledigt wurde) in ein voellig ueberfuelltes Zimmer, welches mit 20 nicht geduschten Bergsteigern knapp vorm Platzen stand. 

Jedenfalls mussten man sich vor Erfrieren keine Gedanken mehr machen. Ganz im Gegenteil. Eine neue Bedrohung ersetzte dieses auch sogleich – Sauerstoffmangel im Schlaf.

 
P1020390Ein Blick aus dem Fenster bei Nacht – Schlafen ging ja eh nicht – laesst die Hoffnung wieder aufkommen: Lichter! LICHTER! Weit unter uns im Tal erkennbar. Schlussfolgerung selbst in absoluter Muedigkeit
-> der Nebel ist WEG! Auch der Sturm???
 

Auf einen sich beruhigenden Wind,

Euer Atemlos-Kiwi

 


 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
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