Mont Blanc du Tacul (4248)

Kurzer Einschub:
 
Vor knapp 3 Wochen waren wir im Mont Blanc Massiv unterwegs und haben eine unserer spannendsten Wochen ueberhaupt erlebt.
 
Genau 1 Woche spaeter wollte es uns eine Gruppe anderer Bergsteiger gleich tun. Auch eine ihrer spannendsten Wochen ueberhaupt erleben. Auch Spaß haben. Auch die grandiosen Ausblicke geniessen.
 
Fuer einige von ihnen sollte es jedoch gleichzeitig die letzte Woche sein. Der Natur ist es quasi egal. Sie hat ein wenig Schnee fallen lassen, kein grosses Ding fuer sie…Vielleicht kann sie ja garnichts dazu. Vielleicht wollte sie es nicht einmal. Vielleicht hatte sie nicht einmal Einfluss darauf. Jedenfalls ging die Lawine los, auch wenn das Mont Blanc Massiv nicht gerade fuer haeufige oder gefaehrliche Lawinenabgaenge bekannt ist (schon gar nicht zu dieser Jahreszeit)…alles egal…die Lawine ging nieder und mit ihr auch viele Familiengluecke. Der Mensch ist klein. Er kann noch so gut ausgeruestet sein…trainiert…vorbereitet…zur falschen Zeit am falschen Ort hat er trotzdem Pech gehabt. PECH – genau das, was es am Ende auch war. Genauso gut haette es im tiefsten Himalya passieren koennen…oder beim Schneeschuhlaufen in Norwegen. Oder man steht gelangweilt auf einer Straße in Schmalkalden rum, die es wenige Sekunden später schon nicht mehr gibt. Sind die Alpen deshalb gefährlicher als andere Berge? Ist Bergsteigen jetzt ploetzlich gefaehrlicher als frueher? Wendet sich die Natur gegen uns? 
 
AUFHOEREN, liebe Medien und Meinungsmacher. Mich nervt eure einseitige regenbogen Berichterstattung. Es sind die Berge. Fertig aus. Lawinenniedergaenge gehoeren dort zum taeglich Brot. Pures Pech – keiner kann etwas dafuer. Das ist Natur. Das MUSS jeder wissen. Das weiss auch jeder. Und falls nicht – bleib daheim!
 
Perfekter Start in den Tag
 
 
 Mont Blanc du Tacul…wie schoen das klingt. Klingen kann. Oder könnte, wenn man jetzt noch des Franzoesischem maechtig waere. Mont Blanc du Tacul – Mong Blongk dü Takkühl. Bei technischen Werten gibt es zum Gluck nicht solche nationalen Betonungsabweichungen. Mathematik luegt nicht. 4248 Meter sind halt 4248 Meter. Das ist in Deutschland so. Das ist in der Schweiz so…und auch in China oder selbst bei den Franzosen. Vielleicht nicht bei den Amis – hier sind es eher 13937 Fuß und 3/32 Inches – was man sich natürlich wesentlich besser vorstellen kann – aber seis drum – fast 4300 Meter pure Höhe…pure Schönheit…
 
Die Aguille di Midi hebt sich am frühen Morgen majestaetisch dem Himmel entgegen. Perfektes Wetter, keine Wolke, purer Sonnenschein…die Reise kann beginnen.
 
Auch oben auf 3.8 purer Sonnenschein.
 
Auch sind wir, mal wieder, nicht die ersten.
 
Ploetzlich werde ich angestuppst – ach ja, wir wollten ja noch weiter. Hatten ja was vor…nicht nur Bilder machen…
 
Routiniert durch unseren vortaeglichen Marsch geht es wieder durch den “wir-praeparieren-uns-und-lassen-den-Frosch-in-den-Teich-springen-und-sind-supersafe”-Tunnel, an dessen Ende wir von der Sonne hoechstpersoenlich noch fuer den Beginn der Strecke begruesst werden.

 

Bissel Massentourismus am oberen Ende des Grates, gut dass sich das bald verlaeuft!
 
Ueberholvorgang auf der Ameisenautobahn.
 
Oh weia – “Sonne, hey, du wirst doch wohl nicht…was machen die Wolken schon wieder hier??

 

Die Karawane zieht weiter…und JEDER hat DURST!

 

Geniale Wolkenspiele.
 
Die Jungs haben eine etwas schwierigere Route gewaehlt…Nein, nicht die beiden hier vorne im Bild…
 
…DIE hier mein ich!!! Wer suchet, der findet…
 
Kurzer Blick zurueck…di Midi thront noch…noch ueber allem. Bald werden wir ihr auf den Kopf spucken koennen.
 
Hier gehts hoch! Viel Schnee, harter Firn, Eiswalzen, Spalten…ist das nicht zu steil?? Ist das machbar? Ich muss zugeben: das sieht von unten ganz schoen angsteinfloessend aus…gewaltig…Aber es gibt ja noch den phrasenschweinueberschatteten Spruch mit dem steten Tropfen und gewissen Steinen – oder wie der Froschfresser sagen wuerde: a goutte creuse la pierre
 
Wie man sieht, Fruehaufsteher sind wir nicht gerade.
  
Kurze Pause an der Schraege.
 
Schon wieder dieser Murmeltierblick ;) Oder ist es Angst? Freudige Erregung? Wir werden es wohl nie erfahren…
 
Auch der groesste Zinken braucht zarte Zuneigung!
 
Krasse Eisformationen die sich vor einem auftuermen.
 
Klitzekleiner Mensch…
 
 
Ja, aber wie erklimmt man nun diese steilen Waende. Laeuft man einfach drauf los? Laesst man es eher gemaechlich angehen? Geht jeder sein eigenes Tempo? Prinzipiell gibt es natuerlich auf den bekannten Routen eine Route, an welcher man sich Lemming-like orientieren kann. Genau wie diese verdummten kleinen Lebewesen laeuft man einfach schnurstracks dem Vorgaenger hinterher. Dieser wiederum folgt seinem Vorgaenger. Dieser seinem. Die Karawane…Ganz vorne laeuft ein Horst und kennt den Weg. Kennt das Tempo – wobei wir hier auch schon am schwierigsten Punkt angelangt sind. 
 
DAS Tempo gibt es naemlich nicht. Jeder der schon mal zu zweit…zu dritt…Joggen war kennt das Problem. Einer haechelt lieber los und macht ab und an Verschnaufpausen, ein anderer haelt lieber sein schneckenhaftes, aber stetiges Tempo bei, kommt dafuer ohne Pausen aus. Andere brauchen gar keine Pausen. Andere Pausieren nur. JEDER laeuft halt anders. An und fuer sich ja auch kein Problem, soll halt jeder machen was er will. Nur ist das in einer Seilschaft leider nicht moeglich. Hier gibt es EIN Team…EINE Geschwindigkeit. Egal wie sehr es einem in den Beinen juckt etwas schneller laufen zu wollen. Man muss sich anpassen. Es bringt auch nichts sich dem Tempo, obwohl zu hoch, anschliessen zu wollen. Das geht evtl. ein paar Minuten gut…
Obwohl…wahrscheinlich nicht. In dieser Hoehe ist alles komplett anders. Jede Tempoverschaerfung merkt man sofort. Wo eben noch ruhiger Puls vorhanden war schnellt dieser ohne Vorwarnung bei der kleinsten Beschleunigung nach oben, man schnappt nach Atmung, der Schweissausbruch nimmt zu und die Beine werden schwerer. Auch bringt es der Gruppe nichts zu ueberpacen…die Rache kommt bestimmt. Spaetestens wenn ein Mitglied der Seilschaft nicht mehr kann, am Ende ihrer Kraefte ist…zurueckgelassen kann keiner werden. Die Gruppe muesste umkehren.
 
Aus diesem Grund liegt es natuerlich im Interesse eines Jedem sich dem Gruppentempo anzuschliessen und schoen sauber den anderen Lemmingen zu folgen.
Und das war eine Sache, die ich definitiv zu lernen hatte. Ich bewundere Soeren, mit welcher Ruhe er sich eben nicht aus solcher hat bringen lassen. Schritt fuer Schritt…immer gleich…seelenruhig setzt er einen Fuss vor den anderen. Tipp…Tapp…Tipp…Tapp…Klingt eintoenig – ist es auch – aber richtig. Und wichtig. Fuer die Gruppe.
 
Fuer den Letzten im Bunde, quasi den Schlusslaeufer, ist es alles andere als einfach. Jeder, der ein wenig Zeit auf bundesdeutschen Autobahnen verbracht hat kennt des Phaenomen der “Staubildung ohne erkennbaren Grund”. Es herrscht Stau, dann geht es langsam weiter. Wieder steht man. Es geht weiter…und ploetzlich faehrt die komplette Autbahn weiter OHNE das eine Fahrspurverengung oder ein Unfall erkennbar ist. Was ist passiert? Irgend ein Doedel zieht mit 110 auf die linke Spur, dahinter kommt ein Heitzer angeheizt, muss derbe abbremsen, dahinter ein weiterer Heitzer, welcher wiederum stark bremsen muss, eventuell sogar etwas staerker, weil er ja nicht sieht, was den Vordermann zum Bremsen gezwungen hat. Dahinter wird weiter bgebremst…der Abstand zum Vodermann vergroessert. Gebremst…gebremst…und ZACK…3 Kilometer und 120 Autos spaeter steht die Sippe komplett still.
 
Und genauso ist es auch hier in der Seilschaft. Der Vordermann laeuft sein Tempo. Fuer den Hintermann passt dieses nicht immer. Er muss kurz warten, ausweichen, abbremsen…der da hinter genauso und bereits beim vierten Mann kommen die Verzoegerungen als kompletter Stillstand an. STAU…ohne erkennbaren Grund. Staendig und oft. Das geht an die Nerven. An die Konzentration. Man moechte schreien…WIESO NUR KANN ES NICHT STETIG WEITERGEHEN???
 
 
Der Sonne entgegen.
 
Eins meiner liebsten!

 

Eis…Schnee…Sonne…
 
Freiheit…hier oben spuert man sie.
 
Die Steilheit ist wie immer nicht fotografisch festhaltbar.
 
Schwupps…die Sonne ist fast von einer zur anderen Sekunde weg. Komplett. Verdraengt…
 
Nicht, dass das bedrohlich aussehen wuerde.

 

Lukas ist noch ganz gut erkennbar…alles andere – NICHT.
 
 
Tja…der Nebel. Da sind wir auch schon beim Thema. Ab ca. 4000 Meter Hoehe ging es ploetzlich ratzi fatzi und es gab einfach keine Sicht mehr. Wir sind noch bis auf knapp 4225 Meter gekrackselt, dann mussten die letzten Hoehenmeter durch eine Kletterpassage ueberwunden werden. Schmal, wenig Platz, rutschig, verschneit, kaum Sicht und…Gegenverkehr. Durch unser grandioses Anfangstempo waren wir so ziemlich die letzte Seilschaft, die oben angekommen ist. Alle vor uns gestarteten waren bereits auf dem Rueckweg. Mussten also auch an der Kletterstelle wieder vorbei. Hatten Vorfahrt, bzw. waren bereits am Felsen, wir mussten warten. Warten – immer mit dem Hintergedanken, dass wir unbedingt die letzte Bahn schaffen muessen, welche ca. 16:30 Uhr gen Chamonix fahren sollte. Erreicht man diese nicht puenktlich muss man evtl. sogar ganz zu Fuss absteigen – eine Strecke die nach 8 Stunden hier oben keinem mehr zuzutrauen gewesen waere. So tickt die Uhr unaufhoerlich im Hintergrund und man wartet und wartet und wartet auf einen freien Felsen…doch dieser kam NICHT. Keine Chance an dem glatten Stein die Absteiger zu umkreisen, gemeinsam die schmale Stelle zu nutzen. Und so rennt die Zeit davon, der Umkehrpunkt ist laengst erreicht und jeder muss sich mit dem Gedanken anfreunden, auf ca. 4225 Metern wieder umzukehren, obwohl dass ersehnte Ziel nicht einmal 25 HM weiter oben zu erahnen ist…Demotivation ist kein Ausdruck hierfuer!!!
 
Auf dem Rueckweg – ab und an tut sich ploetzlich wieder ein kleines Guckloch auf.
 
Und genauso schwupps wie vorhin der Nebel gekommen ist, verschwindet er nun auch wieder.
 
Auf der di Midi fuehlten wir uns schon unschlagbar hoch. Nun, weitere 400 HM dazu, sieht sie ploetzlich unsagbar klein und niedlich aus.
 
Dickes Eis…
 
 
Truegerisch ist das Eis. Gemein und hinterhaeltig fast. Von oben eine feste Grundflaeche. Ein Gefuehl von Sicherheit vermittelnd. Doch darunter ein fieses tiefes Loch. Eine Gletscherspalte. Eben noch mit festem Boden unter den Fuessen kann dieser im naechsten Moment nachgeben und die Spalte oeffnet ihren fiesen eisigen Schlund. Wohl dem, der in einer Seilschaft angekettet ist. Und Wohl dem, der Bescheid weiss und sich darauf einstellen kann. Ein nicht zu unterschaetzender Vorteil. Denn manche Spalten haben es echt in sich…ihre wahre (unterirdische) Groesse ist oft nicht einmal erahnbar…
 
…mit tiefen Spalten.
 
Von oben aus gesehen heuchlerischer Frieden.
 
Selbsterklaerend.
 
 
Ich meine…fast 4230 Meter hoch. Hoeher al niemals zuvor. 7-8 Stunden stupides Laufen, Klettern, Pickeln und Steigeisenlaufen. Nicht wirklich wenig. Ueberhaupt nicht. Im Gegenteil. Ein echt grosses Gefuehl. Stolz.
 
Aaaaaaaber…wenn man den Tag beginnt und hat ein einziges Ziel…nur dieses Ziel…diesen Berg…dann steht man unmittelbar davor, muss umkehren…Enttaeuschung macht sich schon breit. Naja, DER Berg sollte ja noch kommen…
 
Bis dahin,
Euer Enttaeuschungs-Kiwi
 

Stefan

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Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
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