Pico de Orizaba

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Höhe: 5.636 m (18,491 ft)
Prominenz: 4.922 m (16,148 ft)

 

“Ja ja Messing, schon klar. Pico de Orizaba, schon wieder so einer dieser ellenlangen Bergstories. Gibt es ja erst gefühlte 271 Blogeinträge. 270 davon innerhalb der letzten Monate.”

Stimmt, völlig richtig und auch zu recht diese Kritik. Allerdings, mir auch völlig egal. Denn Berge sind meine Leidenschaft. Hohe Berge erst recht. Und dies hier ist, wie es der Name ein wenig unscheinbar anzudeuten versucht, mein Blog und es gibt genau eine Person die bestimmt was gepostet wird und auch in welcher Ausführlichkeit. Also bitte zurücklehnen alleman, es folgt ein weiterer Beitrag dieser ellenlangen Bergstories.

Unser Aufwärmprogramm der letzten Wochen und Monate (Colima, Toluca, Iztacchiuatl, La Malinche) hat uns einen ganz guten Stand in Sachen Fitness und Akklimatisierung erbracht. Wir fühlen uns fit für den Berg. DEN Berg, wenn man es genau haben will. Pico de Orizaba, manchmal auch Citlaltépetl. Denn mit dem Pico wagen wir uns ein weiteres mal über die 5.000er Grenze hinaus. Eine ganze Ecke sogar. 636 Meter um genau zu sein. Mit 5.636 Metern wird er der mit Abstand höchste  Berg für uns beide werden. Noch einmal 400 Meter höher als Iztachiuatl, der mich ja ganz ordentlich, sagen wir einmal, – durchgeschüttelt – hat. Erholt sind wir dieses mal beide wieder. Bereits “La Malinche” hat schon wieder sehr gut funktioniert, allerdings liegt dieser noch happige 1.000 Meter niedriger als der Orizaba. Mit dem “Sternenberg” kann ich euch auch gleich versprechen, dass es für einige Zeit der letzte Artikel dieser Art sein wird. Denn höher als hier geht es in Mexiko nicht mehr. Auch nicht im kommenden Zentralamerika. Erst die Anden werden ein paar höhere Kaliber auf Lager haben. Aber bei unserer Reisegeschwindigkeit lassen diese noch ein wenig auf sich warten ;)

Wir sind also wieder fit und auch aklimatisierungstechnisch so gut vorbereitet wie wahrscheinlich KEIN anderer Bergsteiger hier am Berg, oder gar weltweit. Wir haben eben doch fast alle Zeit der Welt. Das 99%-ige Abspulprogramm des Ottonormalbergsteigers sieht hier normalerweise wie folgt aus:

  • Tag 1: Flug nach Mexiko Stadt (oder Puebla für den Glücklichen)

  • Tag 2-3: Akklimatisierung am Iztacchiuatl oder La Malinche

  • Tag 4: Anreise zum Pico

  • Tag 5: Gipfelsturm oder Gipfelflaute

  • Tag 6: Rücktransport nach Mexiko Stadt und eventuelle Sightseeingtour zu den Pyramiden und Co.

  • Tag 7: Abflug nach Hause

Wie man sehen kann haben die meisten also knappe 2 Tage am Berg. Wir hatten 4 ehe es überhaupt Richtung Gipfel ging. Wir kannten bereits wieder sämtlichste Guides und ihre unterschiedlichen Klienten und Gehilfen. Wir hatten den besten Standort mit Morrie und mussten nicht in der stinkenden Hütte übernachten (die verglichen zum Izta dieses Mal allerdings ausreichend gross dimensioniert schien). Wir kannten, theoretisch, den optimalsten Weg zum Gipfel, da wir uns wirklich mit JEDEM Guide und Klienten unterhalten hatten, der entweder erfolgreich den Gipfel erzwungen hatte oder leider vorher abbrechen musste. Ja, die Erfolgsrate hat in diesen Höhen ganz schön nachgelassen. Viel mehr als 50% sind es leider nicht mehr. Und wir kannten natürlich auch das beste Plumpsklo mit dem besten Sicht- und Windschutz. Wir hatten halt echt Zeit. Und die nahmen wir uns auch. 

 

 

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Nach der recht holprigen und super staubigen 90 minütigen Anreise gelangen wir zur Hütte auf fast 4.200 Meter. Allein diese Vorstellung ist schon geil. Einfach mal mit dem Auto auf über 4.000 Meter zu fahren hat man auch nicht alle Tage. Noch einmal 300 Meter höher als am Izta. Dann steht hier oben eine Hütte mit perfekter Aussicht aufs Tal zur einen und Gipfel zur anderen Seite, die bei voller Auslastung knappe 60 Personen aufnehmen kann (wahrscheinlich sogar ein paar mehr wenn man es richtig gemütlich haben will). Und zusätzlich noch einmal ein Hüttchen für weitere 6 (mutige) Personen. Es gibt 4 oder 5 ehemalige Plumpshäuschen, von welchen allerdings nur noch eines 2 1/2 Sichtschutzwände stehen hat. Aber wer braucht hier oben schon Privatsphäre, es wird eh alles geteilt am Berg. Es gibt kein ‘meine” mehr. Wir alle gegen den Berg, so lautet die Devise. Hier oben sollte man zusammenhalten. 5.600 Meter sind halt eine andere Hausnummer. Hier fährt man nicht mal mehr so einfach vor und erklimmt den Berg ganz nebenbei. Obwohl…egal, dazu kommen wir später.

Wir quetschen also in den folgenden 3 oder 4 Tagen (seit beginn der Reise habe ich völliges Zeitgefühl verloren) Amerikaner, Kanadier, Mexikaner und auch Neuseeländer (!!!) aus wie und wo und womit sie genau wodurch geklettert sind. Es gäbe wohl nur eine wirkliche Schlüsselstelle, das Labyrinth. Gerade bei Nacht soll es hier recht kompliziert sein einen brauchbaren und einfachen Weg zu finden, der nicht in einer demotivierenden Sackgasse endet. Und je mehr man sich mit Rückkehrern und Abbrechern unterhält, umso mehr steigt der Respekt vor der Passage. Wie immer, je mehr man hört, je mehr unterschiedliche Meinungen man bekommt, desto mehr bringt es einem eigentlich durcheinander. Ganz im Gegensatz zum eigentlichen Ziel sich durch Informationseinholung einen Wissens- und somit Komfortvorsprung einzuholen. Naja, ein wenig Respekt hat am Berg sicherlich noch keinem geschadet und ein ein bisschen Aufregung sorgt zugleich für die nötige Konzentration.

So beobachten wir also die 3-4 Tage diverse Gruppen beim Auf- und Abstieg während wir uns die warme Höhensonne auf die Nase brennen lassen. Fehlt quasi nur noch ein kühles Bierchen und ein wenig Popkorn für das perfekte Kinoerlebnis. Grosse Gefühle und Emotionen des Glücks über erreichte Gipfel oder geplatzte Träume der frühzeitigen Umkehrer – die Zutaten sind gegeben und wir geniessen jede Sekunde am Berg. Aber nicht dass ihr denkt wir faulenzen nur rum am Berg. Ganz vorbildlich erledigen auch wir unsere Hausaufgaben und machen uns auf einen knapp 2 stündigen Akklimatisierungsausflug. Jedoch kehren wir vor dem Labyrinth und somit vor dem eigentlichen “Spass” wieder um, man will sich ja nicht gleich übernehmen :)

 

 

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Donnerstag Morgens sollte es dann soweit sein. Der Wecker ist auf 1 Uhr Nachts gestellt, die Rucksäcke gepackt, die Motivation am Höhepunkt, jedoch leider auch der Wind. Wir hatten uns auf einen windlosen Aufstieg eingestellt. Ganz so, wie es der Wetterbericht versprochen hatte. Jetzt weht ein kleines Windchen, was in diesen Höhen aus den kühlen Nachttemperaturen recht unangenehme frostige Temperaturen werden lässt. Da die Aufregung uns auch nicht wirklich gut schlafen liess ist die Enttäuschung des freiwilligen Abbruchs auch keine all zu grosse und der nächste Gipfeltraum wird in der kuschelig warmen Decke weiter verfolgt.

Und faul wie es klingen mag, es war definitiv die richtige Entscheidung. Denn ein nicht all zu kleiner Punkt wäre in dieser Nacht auch noch hinzugekommen: wir waren die einzigen Personen am Berg. An sich keine schlimme Sache, der Aufstieg ist nicht wirklich technisch und schwer. Allerdings ist es immer ein komisches Gefühl, gerade in diesen Höhen. Jedes noch so kleine oder weit entfernte Leuchten der Taschenlampe beruhigt ein wenig. Jedoch hatten ausgerechnet an diesem Vorabend alle anderen das Lager verlassen. Die Entscheidung unausgeschlafen bei eisigem Wind als einziger am Berg nicht loszuziehen war also goldrichtig, denn bereits im Laufe des Tages sind bereits wieder neue Gruppen angereist und das Spiel “wie und wo und womit sie genau wodurch geklettert sind” geht wieder von Neuem los :)

 

 

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Da wir in der folgenden Nacht endlich nahezu perfekt geschlafen hatten, kein Lüftchen mehr wehte und auch bereits 2 Taschenlampenpunkte vor uns am Berg aufblitzten gab es endgültig keine Ausreden mehr und der Aufstieg begann. In ruhigem Tempo ziehen wir schön gemütlich und eingepackt bis zur Nasenspitze los, um bereits nach 3 Minuten den ersten Layer ablegen zu müssen. Leider verdeckt der Nebenhang einen perfekten Vollmond, der uns ansonsten fast schon zu romantisch den Weg hinauf hätte leiten können. Die ersten knapp 1 1/2 Stunden folgen wir mehr oder weniger bekanntem Terrain. Es ist aber so krass wie komplett anders und auch komplizierter das Wegefinden im Dunkeln funktioniert. Eindeutigste Hinweise vom Vortag entdeckt man entweder gar nicht oder deutet sie anders oder gar falsch. Klarste Wegführungen erscheinen nun verwirrend und irreleitend. Ansonsten omnipräsente Steinmännchen muss man konzentriert suchen, ein Blinzeln und man verfehlt sie. Nicht kompliziert, aber wesentlich anstrengender als bei Tage. Dennoch kommen wir sehr gut voran. Auch scheinen wir den Lichtpunkten vor uns näher zu kommen. Uns geht es beiden gut. Von den Problemen vom Izta spüren wir Gott sei Dank nichts mehr. Die Höhe macht auch noch keine Probleme. Nur das Wegfinden ist ein wenig nervig. Und dabei kommt die Krux im Labyrinth doch erst noch. Naja, abwarten. Jedenfalls ist es immer wieder schön und kurzfristig motivierend, wenn man von Zeit zu Zeit doch kleine Bestätigungen in Form von widererkennenden Steinformationen oder Felsvorsprüngen sieht. Man ist auf dem richtigen Weg. Auch das GPS beruhigt, wenn der blinkende Punkt (ich) entweder direkt auf oder zumindestens ausreichend nah an der farbigen Linie (Person XYZ der den Aufstieg bereits hinter sich gebracht hat, der Glückspilz!) liegt.

Nach knapp 2 Stunden erreichen wir unbekanntes Terrain. Der Einstieg zum fast schon hochgehyptem Labyrinth liegt vor uns. Wie interessant – man muss nur lange genug über ein und diesselbe Krux sprechen und schon entwickelt sich diese automatisch in einer unglaublichen Eigendynamik in eine Art unüberwindbare Passage. Jetzt liegt das Labyrinth also vor uns, ganz so kompliziert sieht es allerdings von hier noch gar nicht aus. Mal abwarten was sich so ergibt. Die ersten Meter laufen sich jedenfalls noch recht gut, die Route findet sich auch selbsterklärend fast von alleine. Steigeisen brauchen wir in der ersten Metern noch nicht, ziehen diese aber doch bald über, als die Eisrinnen steiler und rutschiger werden. Macht auch Sinn, somit schleppen wir sie wenigstens auch nicht komplett sinnlos bis hierher. Was man hat, das hat man, nutzt man es nicht und es passiert etwas lässt der Darwin Award grüssen. Wie eigentlich Labyrinthuntypisch gibt es hier scheinbar mehrere Lösungen zum Ausgang. Die eher direkten Herangehensweisen über die Eisrinnen (kürzer aber eisig glatt), wobei es alleine hier mindestens drei verschiedene Möglichkeiten gibt, oder die weniger direkten Routen über Steine und Felsen (Umweg, eisfrei, dafür aber Class IV Kletterei). Ohne gross überlegen zu müssen wird uns die Entscheidung quasi abgenommen, da wir uns bereits mitten in einer Eisrinne befinden und diese auch recht machbar aussieht.

 

 

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Und siehe da, keine 90 Minuten später und das Labyrinth liegt überraschend bereits hinter uns. Überraschend schnell und überraschend einfach, war der Hype wieder grösser. Noch ein wenig über staubige Hügel und der Gletscher liegt vor uns. Jetzt ist es auch bereits merklich kühler und der zuvor entledigte Layer muss wieder übergezogen werden. Auch die dicken Handschuhe kommen “endlich” zum Einsatz. Es geht los. Für die nächsten Stunden wird der Gletscher unser ständiger Begleiter sein. Langsam und tief atmend geht es Schritt für Schritt im Franzosenstil nach oben. Franzosenstil deshalb, weil der Gletscher ab spätestens der Hälfte zu steil wird um noch direkt oder gerade nach oben laufen zu können. Der Winkel wird zu unangenehm für den Fuss, es schmerzt und auch setzen zu wenig Punkte der Steigeisen am Eis auf. So laufen wir also im seitlichen Storchenschritt (Störche, Franzosen, na wo bleiben die Froschwitze?!) dem Gletscher nach oben. Der Wind wird stärker. In Verbindung mit der Höhe sorgt er nun für sehr unangenehme Temperaturen. Besonders die Finger leiden. Absoluter Schwachpunkt des Menschen (neben den Füssen, aber diese sind bei uns absolut überprotektioniert). Sobald es zu kalt wird werden diese “Aussenstellen” von der Blut- und somit Wärmeversorgung abgeschnitten, damit sich der Körper auf den wichtigeren Kern konzentrieren kann. Dass dabei die Hände leicht abfrieren und somit unbrauchbar werden könnten nimmt der Körper gerne in Kauf. Um dem entgegen zu wirken muss man nun selbst aktiv werden. Entweder man inverstiert in die passende Ausrüstung (haben wir nicht) oder man doppelt die Handschuhe (was sehr eng und somit sehr unbequem werden kann wenn man nicht die passende Kombination aus Innen- und Aussenhandschuhen besitzt), ballt die Finger zur Faust oder hält seine Finger durch Bewegung am Leben. Irgendwie funktioniert alles nicht so richtig. Es ist arschkalt und die Finger schmerzen einfach nur. Leicht behindert habe ich ein System gefunden was aus zwei viel zu eng sitzenden Handschuhen besteht, meine Finger zur Faust geballt und die Stöcke baumeln quasi funktionslos an ihren Strickern. Dafür scheint das bisschen mehr an gesammelter Wärme auszureichen um die Finger Finger bleiben zu lassen. Schmerzt zwar, aber so lange man Schmerzen spürt ist dies ein gutes Zeichen, masochistisch wie es sich auch anhört.

Der Wind hat witzigerweise auch seine Vorteile. Zusammen mit dem Tauen der letzten Tage hat er aus der Gletscheroberfläche ein fantastisches Meer aus Eisformationen geschaffen, was auf dem ersten Blick unmöglich zu überwinden wirkt, sich bei näherer Betrachtung aber als Segen erweist, da diese Eisformen wunderbare Treppenstufen darstellen und somit einen relativ sicheren Aufstieg gewährleisten und etwaiges Abrutschen nahzu unmöglich machen. Eine der grössten Gefahren bei einer Gletscherüberqürung (neben den Gletscherspalten, die es hier aber glücklicherweise nicht gibt, warum auch immer, beschwert wird sich definitiv nicht) ist immer das möglische Abrutschen und anschliessende unkoordinierte Hinuntergleiten auf der glatten Eisfläche. Hier können extreme Geschwindigkeiten und somit auch Verletzungsgefahren entstehen. Durch die Stufenformationen im Eis ist diese Gefahr nahezu ausgeschlossen. Ein Ausrutschen ist zwar immer noch möglich, aber definitiv kein unkontrolliertes Abrutschen mehr.

 

 

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So langsam kündigt sich allerdings Besserung an. Mit den ersten Lichtstrahlen erweckt auch wieder die Hoffnung auf kommende Wärme durch die Sonne. Zumal am Tag eh immer alles positiver aussieht. Plötzlich bekommt man Weitsicht – und die hat es wieder einmal wirklich in sich. Plötzlich sieht man auch den verbleibenden Weg nach oben. Ab jetzt kann alles wieder besser werden. Caro ihr Bauch ist allerdings leider nicht ganz so motiviert wie wir, er ärgert sie mehr und mehr. Ob es die Höhe, das frühe Frühstück oder die Aufregung ist – man weiss es nicht. Es wird doch wohl kein zweites “Waterpoo” wie beim Izta geben??!? (Sorry, aber der musste jetzt leider sein :)

Nach mehreren Zwangspausen gibt sich dies aber auch wieder ein wenig. Vielleicht ist es aber auch die Zuversicht auf den sehr wahrscheinlichen Gipfelsturm. Nach 3 Stunden auf dem Gletscher kommt die Sichtkante immer näher auf uns zu. Auch kommen wir den beiden früheren Lichtpunkten immer näher (Guide mit Einzelklient) und wir merken, dass wir recht zügig unterwegs sind, trotz der vielen Pausen, trotz des eigentlich gemächlichem Tempos. Im Schnitt soll es knapp 8 Stunden von der Hütte bis zum Gipfel dauern. Jetzt sind gerade einmal 6 Stunden vergangen. Jedoch ist der Gletscher jetzt richtig steil. Wir ziehen auch direkt auf die Kante zu. Keine flachen Umwege über lange Zick Zacks. Jetzt wollen wir es wissen und überholen sogar das Zweiergespann. Die Anspanung ist in dieser steilsten Phase am Höhepunkt. Wir können es schaffen. Gar nicht mehr weit. Wir können es echt schaffen. Allerdings war es schon die letzten Stunden angeblich gar nicht mehr weit. Die Kante kommt und kommt nicht näher. Die Kante kommt und kommt doch näher. Wie komisch. Wie verwirrend. Es dauert scheinbar bis zur Unendlichkeit und darüber hinaus. Es dauert scheinbar einen Fingerschnipps. Ganz dort hinten unerreichbar ist sie. Jedoch zum Greifen nah. So weit weg und doch so nah.

 

 

pico de orizaba 9Das obligatorische Schattensilhouettebild, wie immer völlig faszinierend.pico de orizaba 10 pico de orizaba 11Geltschermarathon. Statt der durchschnittlichen 4 Stunden schaffen wir es in 3 und überholen sogar noch die weit vor uns liegende Seilschaft.pico de orizaba 12Popocatepetl, Iztacchiuatl und La Malinche.
 
 

Und plötzlich übersteigen wir die Gletscherkante und stehen am Kraterrand. Und plötzlich ist er da. Und es raubt einem den Atem. Nicht der Höhe wegen. Aber der Kraterrand ist schlicht und einfach nicht von dieser Welt. Solch eine unglaubliche Tiefe hat man selten gesehen. Ein Fass ohne Boden, denn dieser ist einfach nicht zu erkennen. Die Ansicht des Kraters, das glückserfüllende Wissen, dass es dieses Mal keine weiteren Fake-Gipfel mehr geben wird – denn da vorne ist der wahre Gipfel – und auch noch die SONNE! Das erste mal direkt ins Gesicht. Die warmen Sonnenstrahlen direkt auf die Haut. Nach all der Kälte und all den Schmerzen in den Fingern, all die Sorgen verblassen augenblicklich und man kann sich Kälte plötzlich nicht einmal mehr vorstellen. Das wunderbarste Gefühl der Welt, was man sicherlich nur nachvollziehen kann wenn man bereits in ähnlichen Situationen unterwegs war. Und dann eben noch das Wissen, dass keine 200 Meter vor einem der höchste Gipfel von Mexiko liegt.

Der Weg zu ihm vergeht wie im Traum. Und Zeitlupe. Und Zeitraffer. Wieder verschwimmen ausgedehnte und beschleunigte Zeit miteinander. Alles wirkt unscharf und doch so unglaublich detailreich. Wir erreichen nach nicht einmal 6 1/2 Stunden Aufstieg den Pico de Orizaba. 5.636 Meter über dem Meeresspiegel. Noch einmal ganze 400 Meter höher als der Kraftakt am Izta. Jetzt geht es wirklich nicht mehr höher. Für viele tausende Kilometer um uns sind wir die höchsten Punkte. Bis irgendwann Mount Logan und Denali kommen, Nummer 2 und 1 von Nordamerika. Jetzt jedoch stehen wir auf der Nummer 3 und fühlen uns wie die klaren Gewinner.

 

 
pico de orizaba 13Einer der faszinierendsten Krater, die ich je gesehen habe.pico de orizaba 27Die einzigen beiden anderen Bergsteiger der Nordroute. Ein weiteres Pärchen haben wir eine weitere Stunde später getroffen, sie bestiegen die Südseite. Wir sechs waren an diesem Tag die einzigen Gipfelstürmer. 100 prozentige Erfolgsquote. Am nächsten Tag haben es leider nur 50% bis zum Gipfel geschafft. Trotz der relativ einfachen Routen spielen dennoch viele andere Faktoren eine entscheidende Rolle, besonders eben die Höhe. Unsere neuen Kiwifreunden schaffen leider ihren Flittergipfel auch nicht ;(pico de orizaba 14 pico de orizaba 15 pico de orizaba 16 pico de orizaba 17 pico de orizaba 19 pico de orizaba 20 pico de orizaba 21 pico de orizaba 22 pico de orizaba 23 pico de orizaba 24 pico de orizaba 25 pico de orizaba 26 pico de orizaba 29Der Abstieg verläuft relativ ereignisreich. Der schmelzende Gletscher nervt jetzt aber gewaltig und geht richtig auf die Knie. Wir lassen uns ordentlich Zeit und benötigen zurück zur Hütte fast genau so lange wie am Morgen hinauf zum Gipfel (normalerweise rechnet man mit der Hälfte der Zeit).pico de orizaba 30Schulausflug zum Berg. Die Minderjährigen Schüler fordern uns auf zum Red-Label Whiskey trinken, ihr Lehrer zieht fleissig mit. Richtig hart wird dann der Selbstgebrannte! Für sie sind wir eine Attraktion. Uns passt die Abwechslung ganz gut, da sich die Abreise wegen Verleihung unserer Helme eh um einen Tag verschoben hat. Jetzt sind wir bereits seit 5 Tagen Homies am Berg.pico de orizaba 31Die Rückfahrt verläuft dann aber leider mit einigen Problemen. Zuerst wäre Morrie fast leer gelaufen, da die äusserst schräge Parkposition neben der Hütte ihn ganz schön ins Tröpfeln gebracht hat. Auf der Runterfahrt ging er dann 4x komplett aus. Wie sich später herausstellte hatte Morrie extreme Probleme mit dem mexikanischen Billigbenzin (nur 89 Oktan) in der Höhe. Jetzt bekommt er nur noch das Beste vom Besten – Premium, was allerdings auch nur 92 Oktan besitzt. Verglichen mit deutscher Benzinqualität ein echter Witz.pico de orizaba 32Leider kein Gipfelbier, hat aber mindestens genauso gut geschmeckt, versprochen!
Gipfeldusche gab es auch noch. Wie unglaublich gut diese nach all den Tagen am Berg getan hat!!!

 

 


 

Stefan

Stefan

Der ruhige Kopf der Bande, der die Welt im Moment still und festhält. Abenteurer und Explorer, gerne auch auf eigene Faust.
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